Angela Büchel Sladkovic  

Verborgene Frauenwelten. Simone Weils Experiment „Fabrikarbeit“ in den Dreissiger Jahren

 

Schlafwandlerisch bewegt sie ihre Hände, schiebt ein Stück Blech unter die Stanzmaschine, zieht es hinaus, legt neue Stücke ein. Die Frau auf der Leinwand arbeitet ruhig, nach dem Rhythmus der Maschine, doch mehr tastend als sehend, und man fürchtet unwillkürlich um ihre Finger und Hände. In seinem neuen Film Dancer in the Dark führt uns Lars von Trier in Frauenwelten.[1] Ich denke dabei nicht an die inszenierte Aufopferung der Mutter für ihren Sohn, sondern an das Stehen an der Maschine, die Arbeit im Akkord, das Haushalten mit beschränkten Mitteln, den Kampf um die Sicherung der Existenz - der eigenen wie der des Kindes. Und vielleicht trägt auch die Imagination einer anderen Welt, in der das Ungelebte und Unausgesprochene Ausdruck findet, weibliche Züge. Oft macht allein sie ein hartes, enttäuschendes Leben erträglich; manchmal bricht in den Bildern eine Wahrheit durch.

Selmas Leidenschaft gilt dem Tanz und der Musik. Und so fliesst aus dem Stampfen und Zischen der Pressen, Walzen und Fräsen urplötzlich rhythmische Musik hervor und die Fabrikhalle verwandelt sich vor unseren Augen in ein Musical, in eine faszinierende Schau von Körpern in Bewegung.

„Alle Geräusche haben einen Sinn, sie sind alle rhythmisch, sie vermischen sich gewissermassen in der grossen Atmung der kollektiven Arbeit, an der teilzuhaben berauschend ist. Da das Gefühl des Alleinseins nicht beeinträchtigt wird, ist die Teilnahme umso berauschender. Es gibt nur Geräusche von Metall, Räder, die sich drehen, das Schlagen von Metall auf Metall; Geräusche, die weder von der Natur noch vom Leben sprechen, sondern allein von der ernsten, standhaften, ununterbrochenen Tätigkeit des Menschen an den Dingen. Man ist verloren in diesem grossen Lärm und beherrscht ihn zugleich; denn, was auf dem Hintergrund dieses andauernden, beständigen und ständig wechselnden Basses aufsteigt - und sich darin verliert -, das ist der Klang der Maschine, die man bedient. Man fühlt sich nicht klein wie in der Menge, man fühlt sich unersetzlich. Die Übertragungsriemen erlauben, [...] mit den Augen die Einheit des Rhythmus zu trinken, die man durch die Geräusche und die leichte Vibration der Dinge am ganzen Körper spürt. In den dämmrigen Stunden in der Früh und an den Winterabenden, wenn nur das elektrische Licht brennt, haben alle Sinne teil an einem Universum, das in nichts an die Natur erinnert, in dem nichts umsonst gegeben ist, alles ein Zusammenstoss, ein schmerzlicher [dur] und zugleich bezwingender Zusammenstoss des Menschen mit der Materie. Die Lampen, die Riemen, die Geräusche, das harte und kalte Eisen, alles läuft zusammen in der Verwandlung des Menschen zum Arbeiter [ouvrier].“[2

Das zitierte Traumbild[3] stammt nicht von Selma, es ist Simone Weil, die französische Philosophin und Gewerkschafterin (1909-1943), die es zeichnet. Faszination der Technik spricht sich hier ebenso aus wie Begeisterung für die Arbeitswelt. Doch der Traum wird sofort gebrochen: „Wäre dies das Leben in der Fabrik, es wäre zu schön. Es ist es nicht.“ Es ist ein Bild der Freiheit; die Arbeiter und Arbeiterinnen sind jedoch, so Simone Weil, nicht frei. Und sie können ihrer Knechtschaft, die sich wie ein Mal in ihre Haut einbrennt, kaum entfliehen. Die Sinne, der Körper, die kleinen Details des Alltags machen die erzwungene Unterordnung jeden Augenblick schmerzlich fühlbar. Ein Bild, das dem, was Simone Weil in der Fabrik empfunden hat, näher kommt, ist ein Filmbild ihrer Zeit. Charlot in Modern Times, bedrängt von der Maschine, die jede Bewegung diktiert und kaum Raum zum Atmen lässt - die „Fütterungsmaschine ist das Symbol der Arbeiterexistenz in der Fabrik.“[4]

  

Intellektueller Pessimismus „von oben“ oder wache Zeitgenossenschaft?

Mit 25 Jahren geht die Philosophin Simone Weil für unbestimmte Zeit als Arbeiterin in die Fabrik. Es ist ein Experiment mit der eigenen Existenz, das nicht nur den Ausstieg aus ihrem Alltag als Philosophielehrerin bedeutet, sondern auch den Bruch mit einer möglichen Karriere. Denn Simone Weil hat sich als kritische Publizistin einen Namen gemacht. „C'est le seul cerveau que le mouvement ouvrier ait eu depuis des années“, soll Boris Souvarine, Mitbegründer und Kritiker der Kommunistischen Partei Frankreichs, auf ihre politische Analyse Perspektiven: Gehen wir einer proletarischen Revolution entgegen? hin gesagt haben.[5] Der kontrovers diskutierte Artikel von 1933 drängte selbst Trotzki zu einer - vernichtenden - Stellungnahme.[6]

Der Artikel Perspektiven fragt nicht allein nach der von Marx und Lenin propagierten Zukunft und den realen Entwicklungen in der UdSSR und in Deutschland, sondern nach konkreten Handlungsperspektiven in einer Zeit der wirtschaftlichen Krise, der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung, der Entstehung totalitärer Bewegungen und eines möglichen Krieges. So schreibt Simone Weil: "[...] unsere Anstrengungen [drohen] nicht allein nutzlos zu sein, sondern sich gegen uns selbst zu richten zugunsten unseres Hauptfeindes, des Faschismus.“[7] Das Beispiel Deutschland hat Simone Weil, die sich im Sommer 1932 einen Monat in Berlin aufhielt, gezeigt, wie schwierig politischer Widerstand sich gestaltet. Die Agitationen der Kommunistischen Partei unterstützen die faschistische Demagogie, die sozialdemokratischen Einrichtungen leiden an ihrem bürokratischen Charakter und der Basisferne der Führungselite. Seit ihrer Deutschland-Analyse treibt Weil die Frage um, wie eine Organisation der Arbeiterinnen und Arbeiter möglich sei ohne Bürokratisierung und ohne Unterordnung unter eine Staatsmacht.[8] Eine Antwort sieht sie im Moment nicht. In dieser theoretischen Leere, die in Frankreich um sich greift, hat sie jedoch den Mut, die Aktionen der M.O.R.[9] als blinden Aktionismus zu entlarven und sich vom „Mythos Revolution“ zu verabschieden. Schonungslos eröffnet sie den Artikel mit der Feststellung, dass alle Aufstände der unterdrückten Massen seit der Pariser Kommune  gescheitert und nirgends Anzeichen einer Befreiung des Proletariats gegeben seien. Simone Weils Kritik eines „prinzipiellen Optimismus“[10] schockierte und veranlasste einige Genossen, sich von diesem „Pessimismus von oben“ zu distanzieren.

„Wir sind in einer Übergangsepoche - aber Übergang wohin? Niemand hat davon die geringste Vorstellung.“[11] Die trotzkistische Lesart der Entwicklungen in Russland wird von Simone Weil zurückgewiesen. Russland trotz aller Schwierigkeiten und bürokratischer Entartungen als Arbeiterstaat und Diktatur des Proletariats zu bezeichnen, grenze angesichts des stalinistischen Unterdrückungssystems an Zynismus.[12] Die Oktoberrevolution ist in den Augen von Weil definitiv gescheitert: „Einen Arbeiterstaat hat es bisher nirgends gegeben, es sei denn einige Wochen in Paris 1871 und vielleicht einige Monate in Russland 1917-1918. Dagegen herrscht seit fast fünfzehn Jahren auf einem Sechstel der Erde ein Staat, der, ebenso repressiv wie jeder andere, weder kapitalistisch noch proletarisch ist. Gewiss hat Marx dergleichen nicht vorgesehen. Aber auch Marx ist uns nicht so lieb wie die Wahrheit.“[13] Die klassischen Schemata des Marxismus verführen die KommunistInnen jedoch nicht allein zu einer Täuschung bezüglich des Regimes in Russland, sondern zu einer gefährlich optimistischen Haltung dem Faschismus gegenüber. Dieser werde ebenfalls als blosses Übergangsphänomen wahrgenommen, schreibt Weil. Die Einschätzung der faschistischen Bewegung als letzte Karte der Bourgeoisie vor dem Sieg der Revolution, die seit dem Kongress der Komintern von 1928 offiziellen Charakter besass, wird von ihr als Gemeinplatz diskreditiert, der von der „mühseligen Pflicht des Nachdenkens“ und der Analyse dispensiere.

In Deutschland und Russland beobachtet Simone Weil politisch wie ökonomisch dieselbe Tendenz zur Stärkung der Zentralmacht. Die Unterordnung des Individuums unter das Kollektiv, die ideologisch so unterschiedliche Staaten wie Deutschland, Russland und die USA einander angleicht, wird von ihr besorgt als neues, weit verbreitetes Phänomen wahrgenommen. Kulturkritisch hält sie fest, dass die immer mehr um sich greifende Spezialisierung in Wissenschaft und Technik das Individuum auf einen kleinen Kompetenzbereich eingrenzt und denjenigen Kräften ausliefert, die das Ganze beherrschen. Der technisch-administrative Apparat tritt seinen Siegeszug an. Der Bürokratisierung und Technokratisierung in der Gesellschaft sollte politisch ebenso Rechnung getragen werden wie dem Aufkommen totalitärer Bewegungen. Denn: „Jede ausschliessliche und unkontrollierte Macht wird repressiv in den Händen derer, die das Monopol darauf innehaben.“[14]

Neu aufmerksam gemacht auf die Frage der Macht und das Verhältnis der Weilschen Kritik zu biblisch-theologischen Motiven hat Susanne Sandherr in zwei soeben erschienenen Aufsätzen: „Offensichtlich steht die Macht-Frage im Zentrum von Weils anarcho-syndikalistischem Einsatz.“ Und in bezug auf die Theoriebildung: „Weils Denken bündelt sich in ihrer Kritik der Macht wie in einer Linse.“[15] Empowerment (Ermächtigung), so lässt sich anfügen, steht als Ziel schon über ihren ersten Schritten im gewerkschaftlichen Raum, nämlich die Ermächtigung der Arbeiterinnen und Arbeiter zu Sprache und Kultur. Darin liegt für Simone Weil der Anfang der Revolution.[16] Marx, der die entwürdigende Trennung von manueller und geistiger Arbeit geisselt, ist ihr denn auch wichtiger als der „ökonomische“ Marx. Letzteren vermag sie im Lauf der Jahre nur noch deterministisch zu lesen.[17]

„Sei man bereit, auf die Tröstungen der Produktivkräftereligion zu verzichten, so werde einem nicht nur die sichere Antwort auf die Frage nach den Ursachen der Freiheit aus der Hand geschlagen, sondern es stelle sich erneut die Frage nach den Ursachen der sozialen Unterdrückung.“[18] Die marxistische Überzeugung, die Unterdrückung falle bei Unproduktivität oder hoher Produktivität weg, lässt sich für Weil nur durch die Vernachlässigung des Machtkampfs bzw. dessen Unterordnung unter den Existenzkampf erklären. Das soziale Leben der Menschen werde aber nicht allein von der Ökonomie bestimmt, neben dem Bedürfnis regiere die Gewalt. Zu Unterdrückung pervertiert die gegenseitige Abhängigkeit in einer arbeitsteiligen Gesellschaft durch die der Macht eigenen Tendenz, sich bis an ihre Grenzen auszudehnen. Der Kapitalismus, so ist Simone Weil aufgrund ihrer Analysen überzeugt, hat den Punkt überschritten, jenseits dessen die Produktivkräfte zu destruktiven Kräften mutieren. Ohne Rücksicht auf menschliche Kosten und die natürlichen Ressourcen werde der „Fortschritt“ weitergetrieben, es zähle  allein die Expansion, die Kontrolle des Kapitals und des Marktes.

Angesichts eines Wachstums, das seine eigene Basis attackiert, angesichts einer Technik, die Verschwendung fördert und Unterdrückung impliziert, nimmt Weil nirgends Zuflucht zum regressiven Traum „zurück zur Natur“. Doch angesichts einer aus dem Gleichgewicht gefallenen Welt sucht sie Orientierungspunkte; angesichts einer grenzenlosen Macht fragt sie nach Grenzen.[19] In der Masslosigkeit der modernen Zivilisation entdeckt Simone Weil Einheiten, die unverändert geblieben sind: der Körper, das menschliche Leben, die Wahrnehmung.[20] An ihnen sei Mass zu nehmen. Die Aufgabe der Zukunft liege darin, Technik und Gesellschaft nach dem Menschen, seinen Bedürfnissen und Rhythmen zu organisieren: „In der Natur der Dinge ist keine unbegrenzte Entwicklung möglich; die Welt (kósmoß!) beruht im Ganzen auf dem Mass und dem Gleichgewicht [...], und dasselbe gilt also auch für die Polis.“[21]

 

Das Experiment „Fabrikarbeiterin“ 

Ein Experiment ist etwas Künstliches, notieren Simone Weils Schülerinnen in Roanne.[22] Man schafft einen geschlossenen Raum, der es erlaubt, ungestört von Fremdeinflüssen Beobachtungen durchzuführen und Hypothesen experimentell zu prüfen. Anfangs Dezember 1934 bezieht Simone Weil ein kleines Zimmer in der Nähe der Rue Lecourbe in Paris. Sich von Eltern, Freundinnen und Freunden zurückzuziehen und im Arbeiterquartier niederzulassen, gehört für sie zur Versuchsanordnung. Am 4. Dezember beginnt ein Experiment, das sie seit Jahren in Erwägung zieht: sie wird bei Alsthom, einem elektromechanischen Betrieb, als Arbeiterin an der Presse eingestellt. Neun Monate lang, unterbrochen durch Krankheit und Arbeitslosigkeit, wartet Simone Weil jeden Morgen vor dem Fabriktor auf Einlass, steht Stunden an Pressen oder an der Fräse, stempelt ein und aus. Das Arbeitszeugnis von Alsthom ermöglicht ihr, in zwei weiteren Betrieben Arbeit zu erhalten, in einer kleineren Fabrik in Boulogne-Billancourt und bei Renault. Starten kann sie ihr Experiment nur dank der Unterstützung von Auguste Detoeuf, dem Leiter von Alsthom, einem reformbereiten Industriellen, den sie über Boris Souvarine kennenlernte. Der Zeitpunkt für einen Einstieg ohne Erfahrung und Arbeitszeugnis ist ungünstig. Frankreich leidet bis Mitte der Dreissiger Jahre unter der Wirtschaftskrise, auch wenn es weniger getroffen wurde als die stärker industrialisierten Länder Deutschland und Grossbritannien. Die Arbeitslosenzahl wächst, Frauen wird vorgeworfen, Arbeitsplätze zu „stehlen“. Dieses in Krisenzeiten stets zu vernehmende, ideologische Argument verschleiert auch in den Dreissiger Jahren die wirkliche Lage. Es täuscht über die Tatsache hinweg, dass von Seiten der Industrie eine Nachfrage nach Frauen besteht: man benötigt unqualifizierte, billige Arbeitskräfte. Die Trennung nach Geschlechtern, wie sie Weil in den Fabrikhallen erlebt, nimmt ihren Anfang in der Kriegsproduktion von 1914-1918. Siân Reynolds schreibt in ihrer kurzen historischen Skizze: „Both Citroën and Renault for instance had converted to munitions factories in wartime, employing large numbers of women and experimented with l'organisation scientifique du travail (OST or the Taylor system), in other words the breakdown of the manufacturing process into series of simple operations performed by semi-skilled labour.“[23] Nach dem Krieg werden die Frauen entlassen, ausgebildete Männer eingestellt und die Autofabrikation wieder aufgenommen. Wachsende Produktion und zunehmende Automatisierung Ende der Zwanziger Jahre bringen jedoch wieder eine grosse Nachfrage nach billiger Arbeitskraft mit sich. Frankreichs Industrie stellt eine grosse Zahl von Frauen und ImmigrantInnen ein.

Simone Weil geht nicht naiv in die Fabrik.[24] Die Hoffnung, die Distanz zu überwinden, die sie wohl spürt, wenn sie auf Kundgebungen mitmarschiert oder mit den Arbeitern in den Wirtshäusern zusammensitzt, mag eine Rolle spielen. Doch ausschlaggebend ist anderes. Simone Weil spricht in Briefen von ihrem Interesse an den Maschinen und einer Anzahl präziser Fragen, die es zu klären gelte, und macht damit die analytische Qualität ihres Projekts deutlich.[25] Barbara Rohr bemerkt zu Recht: „Simone Weils Absicht war es also, das Wesen der Unterdrückung durch Fabrikarbeit körperlich-sinnlich näher zu ergründen“.[26] Die Philosophin will die Beziehung zwischen der Arbeit und den Arbeitenden untersuchen, was für sie rein theoretisch nicht durchführbar ist. Sie will wissen, wie ein Industriebetrieb funktioniert, und ob es dem Arbeiter und der Arbeiterin möglich ist, in diesem System die Würde zu bewahren, wie Auguste Detoeuf behauptet. „Wenn ich daran denke, dass die grossen bolschewistischen Führer eine freie Arbeiterklasse zu schaffen behaupteten und dass wahrscheinlich keiner von ihnen - Trotzki sicher nicht, und Lenin, glaube ich, auch nicht - je den Fuss in eine Fabrik setzte und folglich nicht die leiseste Ahnung von den wirklichen Bedingungen hatte, die Knechtschaft oder Freiheit der Arbeiter bestimmen, dann erscheint mir die Politik als ein übler Witz.“[27] Eine Kritik an den Klassikern des sozialistischen Denkens, die wohl auch eine Spitze wider ihre Zeitgenossen beinhaltet!

 

„In diesem Räderwerk gefangen“

 

Es ist anzunehmen, dass Simone Weil davon ausging, ihr Geschlecht gehöre zu den zu vernachlässigenden Faktoren des Experiments. Bis anhin bewegte sie sich mit Ausnahme der Mädchengymnasien, an denen sie unterrichtete, in Männerwelten und hatte es sich zur Regel gemacht, nicht durch ihre Weiblichkeit aufzufallen. „Moi, je ne suis pas féministe“, deklarierte sie als junge Studentin auf eine Anfrage hin.[28] Gemischte Bereiche, in denen es möglich gewesen wäre, ein partnerschaftliches Handeln einzuüben, so ruft Reynolds zu Recht in Erinnerung, gab es kaum.[29] In der Fabrik nun wird Weil unwillkürlich auf die Geschlechterdifferenz gestossen und in die weibliche Rolle gedrängt: das heisst Arbeit an der Maschine, Akkord. Einen neuen, etwas anderen Klang bekommt auf diesem Hintergrund ihre Bemerkung einer Schülerin gegenüber, sie sei der Welt der Abstraktionen entflohen und befände sich in der Fabrik unter wirklichen Menschen.[30] Die in ihren Artikeln angeprangerte Zweiteilung der Menschen in Ausführende und Befehlende entpuppt sich in der Realität als Trennung nach den Geschlechtern. „Ein sehr geschickter, sehr intelligenter und sehr kräftiger Mann kann vielleicht hoffen, in der gegenwärtigen Lage der französischen Industrie in der Fabrik einen Platz zu bekommen, wo ihm auf interessante und menschliche Weise zu arbeiten möglich ist; hinzufügen muss man, dass Rationalisierungsfortschritte von Tag zu Tag derlei Möglichkeiten einschränken. Aber die Frauen sind in eine ganz mechanische Arbeit verbannt, die nichts als Schnelligkeit verlangt.“[31]

Simone Weil wird an die Maschine gestellt, zum Bohren, Pressen, Vernieten, Planieren - je nach Anweisung. Das Schlimmste sei die geforderte Schnelligkeit; wer den Akkord unterbietet, erhält nicht allein einen Niedrig-Lohn, sondern riskiert die Arbeitsstelle. „'Nicht viele wagen es, unter dem Akkord zu bleiben [de couler les bons]'“, zitiert Weil in der zweiten Woche schon eine Arbeiterin.[32] Ein Akkordschein gilt als coulé, d.h. als Verlust, wenn die in einer Stunde angefertigten Stücke nicht 3 Francs erbringen; die Arbeit wird dann auf einen willkürlichen Lohnsatz festgesetzt. Dieses System zwingt die Frauen, mit der Zeit zu 'jonglieren' und andere als die reellen Zeiten auf dem Schein anzugeben, wenn es für sie vorteilhaft ist. Weil, die sich an mehreren Stellen über die Undurchsichtigkeit des Lohnsystems beklagt, führt in ihren Notizen genaue Berechnungen durch: geleistete Arbeit, geforderter Akkord, Zeit und Lohn werden aufgelistet. Da sie in zeitlichen Rückstand fällt, wird die materielle Situation für sie immer schwieriger: “die Ernährungsfrage bleibt [...] beängstigend.“[33] Bei Alsthom verdient sie ohne Qualifikation nach einer ersten Einschätzung auf zwei Francs letztlich im Minimum 1,80 Francs, der Mindestlohn der anderen Arbeiterinnen beträgt 2,40 Francs/Stunde. „Aus vielerlei Gründen erreiche ich die Normen noch nicht: mangelnde Routine, eine beträchtliche natürliche Langsamkeit der Bewegungen, Kopfschmerzen und eine gewisse Denkmanie, der ich mich nicht entledigen kann... So meine ich denn auch, dass man mich, genösse ich nicht eine Protektion, vor die Tür setzen würde.“[34] Eine Ohrenentzündung zwingt sie nach einigen Wochen - inzwischen total erschöpft -, auszusetzen. Sechs Wochen später kehrt sie zurück, kann ihre Stelle jedoch nicht halten. Am 29. März notiert sie: „Chastel reizend - man lässt mir völlige Freiheit, man behandelt mich wie eine zum Tode Verurteilte“,[35] am 5. April 1935 verlässt sie nach einem Unfall Alsthom und geht anschliessend zweimal auf Stellensuche. Dabei greift sie zu ungewohnten Mitteln. Sie weiss, dass die allgemeine Willkür, der die Arbeiterinnen ausgeliefert sind, sich durch den Sexismus verschärft. Den 'Wert' einer Arbeiterin, notierte sie in Bezug auf die Auszahlung der Verlust-Scheine in ihr Tagebuch, beurteilen die Vorgesetzten „nach ihrer eigenen Phantasie“[36]. So wendet sie sich vor ihrem „Vorstellungsgespräch“ mit der Bitte an ihre Freundin Simone Pétrement, sie zu schminken.[37]

Glückliche Momente erlebt Simone Weil am Ofen, in dessen Hitze sie schwere Arbeit verrichtet. Neben ihr hämmern Arbeiter, den Lärm im Ohr schiebt sie Stück um Stück in die Flammen, kontrolliert ihre Reflexe, um nichts zu verderben; der Schweisser lächelt ihr traurig zu, wenn sie vor Schmerz das Gesicht verzerrt; ein junger Arbeiter kommt ihr zu Hilfe, als sie unter der Last zusammenzubrechen droht. „Ganz andere Ecke, obwohl neben unserer Werkstatt. Die Chefs kommen nie dorthin. Freie und brüderliche Atmosphäre, nichts Knechtisches und Kleinliches. Der nette kleine Bursche ist Einrichter... der Schweisser... der junge Italiener mit den blonden Haaren... mein 'Verlobter'... sein Bruder... und die Italienerin... der kräftige Bursche mit dem Hammer“.[38] Simone Weils Sympathien gelten den Arbeitern, in ihrer Nähe fühlt sie sich wohl.[39] Eine aufmerksame Lektüre des Fabriktagebuchs bestätigt Siân Reynolds Urteil, dass Weil die Arbeiter bewundert, den Frauen gegenüber jedoch nicht dieselbe Wärme aufbringt.[40] Trotz des Verständnisses für deren Situation, urteilt sie oft pauschal. Damit reproduziert Weil die negativen Gefühle, die Männer in der Fabrik den Frauen gegenüber empfinden, die schlecht bezahlte Arbeit an Maschinen ausführen, die sie nicht verstehen.[41] Die meisten Frauen sind dazu gezwungen, weil sie sich - wie Weil immer wieder bemerkt - „ihr Leben verdienen müssen“, zusätzlich das ihrer Männer und Kinder in vielen Fällen; andere arbeiten in der Fabrik, um den Verdienst ihrer Ehemänner, die oft nur angelernt sind, aufzubessern. Die Ungleichheit zwischen den Frauen wird von Weil ebenso wahrgenommen wie die Rivalität, die durch die Betriebsorganisation gefördert bzw. hergestellt wird.[42] Simone Weil lernt schon bald, dass es „gute“ und „schlechte“ Arbeit gibt: „Arbeiterin entlassen - Tuberkulose [...] Es scheint, dass diese Arbeiterin einen Auftrag (zweifellos heikel und schlecht bezahlt) verweigert hat; 'zu schwere Arbeit', heisst es. Der Werkmeister hatte ihr gesagt: 'Wenn es nicht bis morgen früh gemacht ist...' Zweifellos schloss man daraus, dass sie die Stücke absichtlich verdorben hätte. Kein Wort des Mitgefühls der Arbeiterinnen, die gleichwohl den Ekel angesichts einer Tätigkeit kennen, die einen erschöpft, während man sehr genau weiss, dass man nur 2 F oder weniger verdient und angeschnauzt wird, wenn man den Akkord nicht erreicht hat - einen durch Krankheit verzehnfachten Ekel. Dieser Mangel an Mitgefühl erklärt sich daraus, dass eine 'schlechte Arbeit', die eine Arbeiterin verschont, von einer anderen gemacht wird...“[43]

Sich über eine Ungerechtigkeit zu beschweren, bedeutet sich erniedrigen, da man als Arbeiterin - rechtlos - ganz von der Entscheidung der Chefs abhängt. Neben der Geschwindigkeit ist es das Ordnungssystem, das Weil als inhuman beschreibt. Die Befehlsgewalt der Chefs ist absolut; man habe zu schweigen und zu gehorchen, auch wenn die Anordnungen gefährlich, widersprüchlich oder unmöglich seien.[44] Ein Befehl impliziert bei den Arbeiterinnen ambivalente Gefühle. Einerseits durchbricht er die Monotonie, indem er die Arbeiterin an einer Maschine wegholt und ihr neue Arbeit auferlegt. Diese Veränderung bedeutet Erleichterung, ist ihr aber andererseits auch zuwider, da sie Zeitverlust impliziert, was für die Stückarbeiterin materielle Folgen hat. Unabhängig davon macht jeder Befehl, dem sofort und unwiderruflich Gehorsam zu leisten ist, den Arbeitenden fühlbar, dass nicht sie über ihre Zeit verfügen. „Eine Anweisung konnte mich im Augenblick einer Erschöpfung treffen und mich zu vermehrter Anstrengung zwingen - einer Anstrengung bis zur Verzweiflung.“[45] Da Befehle in der Fabrik „Körper und Seele von Grund auf antasten“[46] können, lebten die Arbeiterinnen in ständiger Angst.

Die Maschine wird vom Einrichter auf den jeweiligen Arbeitsauftrag angepasst. Er wird von den Frauen auch bei Zwischenfällen herbeigerufen; seine Reparaturen sind jedoch oft sehr unbeholfen, da er nur über wenig Kenntnis bezüglich Aufbau und Funktion der Maschinen verfügt. Die Arbeiterin erwirbt sich durch langjährige Erfahrung eine gewisse Vertrautheit mit der Maschine. Sie kennt deren Tücken. Doch, so notiert Weil: "[...] ich habe nie eine Frau gesehen, die an der Maschine zu einem anderen Zweck stand, als sie zu bedienen“.[47] Die von der Maschine geforderte Abfolge der immer gleichen Bewegung weicht in ihrer extremen Schnelligkeit vom natürlichen Rhythmus der Arbeiterin ab. Der aufgezwungene Takt ermüdet den Körper und vergewaltigt den Geist. Denn die Kadenz ist so schnell, dass Denken wie Träumen störend wirken; sie verlangsamen den Bewegungsablauf. Die Arbeiterin muss das Denken ausschalten, und doch ist Konzentration von ihr gefordert, da die Kadenz - im Gegensatz zum Rhythmus - Aufmerksamkeit braucht. „Die Aufmerksamkeit, der würdigen Gegenstände beraubt, muss sich Sekunde um Sekunde auf ein kleinliches Problem, mit einigen Varianten immer das gleiche, konzentrieren: 50 Stücke in 5 statt in 6 Minuten herzustellen oder etwas Ähnliches dieser Art. Glücklicherweise sind manche Fertigkeiten zu erlernen. Aber ich frage mich, wie dies alles menschlicher werden kann“[48]. So uninteressant die Arbeit ist, der Langeweile und dem Ekel darf man nicht nachgeben, denn Abschweifen bedeutet weniger oder misslungene Stücke.

„Wenn man sich an eine Maschine stellt, muss man 8 Stunden täglich seine Seele knebeln, sein Denken, seine Empfindungskraft, alles.“[49]

 

„Das Unglück ist mir in den Leib gefahren“

 

Das in der Fabrik erfahrene und beobachtete Leiden, den Schmerz und die Müdigkeit, als unabdingbare, die Arbeit begleitende Elemente zu verstehen, wie die damit zusammenhängende Behauptung, Ekel und Verzweiflung habe seinen Grund in einem Mangel an Durchhaltevermögen und Seelenstärke, weist Simone Weil von sich.[50] Ein allein an der biblischen Schöpfungsgeschichte orientiertes Verständnis der Arbeit als Mühsal ignoriert den sozialen Kontext der Fabrikarbeit: „Die entscheidende Tatsache ist nicht das Leiden, sondern die Erniedrigung.“[51] Das Leben der Fabrikarbeiterinnen ist durch die drei Faktoren gekennzeichnet, die Simone Weil in den Cahiers und in Attente de Dieu als Komponenten des Unglücks bestimmen wird: körperliche Schmerzen, psychisches Leiden und soziale Erniedrigung.[52] Noch bevorzugt sie es, von „Sklavinnen“ zu sprechen - ein Ausdruck, der die Ohnmacht und Rechtlosigkeit betont. „Die Klasse derjenigen, die nicht zählen - in keiner Situation - in den Augen anderer... und die nicht zählen werden, niemals, was auch geschehen mag, trotz des letzten Verses der ersten Strophe der Internationale.“[53] Die pessimistische Einschätzung beruht auf Weils Überzeugung, dass die Versklavung der Fabrikarbeiterinnen hauptsächlich in der Arbeit als solcher wurzelt und durch Sozialisierung des Kapitals oder bessere Entlöhnung letztlich nicht aufgehoben werden kann: „In allen anderen Formen der Sklaverei steckt die Sklaverei in den Verhältnissen. Nur hier ist sie in die Arbeit selbst übertragen.“[54]

 

Von Frauenwelten und ihrer Verbergung

 

Im Fabriktagebuch werden die Arbeiter zu Frauen und Männern und die Arbeit an der Maschine hat ein Geschlecht. Das Buch Weils zeugt von gender awareness. Frauen werden sichtbar gemacht, sie tragen im Fabriktagebuch einen Namen, haben ein Gesicht und eine Geschichte: Mme Forestier, Mimi, Eugénie, Louisette, Nénette, Joséphine; jene, die singt, die Tolstoi-Bewunderin, die mir ein Brötchen schenkte; die Mutter des verbrannten Kindes, die Geschiedene, die alleine lebt... Wir treffen auf Sätze, die in ihrer Ungeheuerlichkeit etwas von der Tiefe des Unglücks der Condition ouvrière et féminine spüren lassen: "[...] die ein Kind verlor und glücklich ist, keines mehr zu haben, und die 'glücklicherweise' ihren ersten lungenkranken Ehemann vor acht Jahren verlor (es ist Eugénie!)“.[55] Auch der körperliche Schmerz, dem wir im Fabriktagebuch auf beinahe jeder Seite begegnen, trägt weibliche Züge: Kopfschmerzen vom betäubenden Lärm der Maschinen, blutende und abgeschnittene Finger, ausgerissene Haarbüschel, Bauchschmerzen aufgrund der harten Fusshebel und Eileiterentzündungen.[56] Das Unglück, so die These, ist eine feministische Kategorie. Hinter dem Konzept 'Unglück', das in Weils Denken einen so wichtigen Platz einnimmt, steht ihre Erfahrung als Frau in der Fabrik.[57] „Obliged to participate in the factory as a woman, she [Simone Weil] understood the mechanisms whereby women had, for example, less trade union consciousness than men, less solidarity, and why they were preoccupied with immediate circumstances, especially, family problems.“[58] Mechanismen der Entsolidarisierung spielen nicht allein bei Rüffel und Kündigung, sondern auch bei Schwangerschaft; die Doppelbelastung lässt kaum Raum für den Kampf um Rechte; zudem wird die Gewerkschaftsbewegung von Männern getragen und der Frauenarbeit wird wenig Beachtung geschenkt - die gesellschaftliche Abwertung ihrer Arbeit macht vor den Türen der Syndikalisten nicht Halt. Simone Weils Bewusstsein für die Mechanismen der Ausgrenzung und Abwertung, der die Frauen ausgesetzt sind, wird nicht zuletzt durch die weiter oben erwähnte Episode auf der Arbeitssuche - der Griff in die Kosmektikkiste - offenbar. In ihrem Briefwechsel an einen Betriebsleiter schreibt sie an einer Stelle explizit: „Als Arbeiterin war ich in einer zweifach untergeordneten Stellung, denn ich fühlte meine Würde nicht allein durch die Vorgesetzten verletzt, sondern auch durch die Arbeiter, weil ich eine Frau bin.“[59]

Der Frauenperspektive wurde in der Rezeption des Fabriktagebuchs nur selten Rechnung getragen. Das spezifisch Weibliche der Erfahrungen verschwindet, das Tagebuch und die weiteren Schriften über das Industriesystem präsentieren sich als Beschreibung und Analyse der condition ouvrière. Symptomatisch ist das Faktum, dass der Artikel über den Streik der Metallarbeiterinnen, den Simone Weil 1936 veröffentlichte, La vie est la grève des ouvrières métallos, da und dort zu Leben und Streik der Metallarbeiter mutiert.[60] Simone Weil ist an dieser Rezeption nicht ganz unschuldig. Als Autorin des Artikels versteckt sie sich hinter dem neutralen Pseudonym S. Galois, die Arbeiterinnen werden in grammatikalisch männlichen Formen unsichtbar gemacht und nur selten explizit genannt. Eigene Erfahrungen werden mit männlichen Konnotationen belegt. Eine genaue Analyse der Briefe und Artikel, die auf den Notizen der Fabrikzeit basieren, lässt Siân Reynolds feststellen: "[...] these are very different texts. The same material has been reworked. From the point of the view that interests me here, that reworking amounts to the gradual elision of the specificity of the experience as women's factory work, and a gradual assimilation of Simone Weil's personal experience to 'factory life' - a condition seen not simply in sexually neutral terms, but specifically as that of the male worker.“[61] Ausschlaggebend scheint Reynolds nicht so sehr, dass Weil, wenn sie die Ebene der konkreten Erfahrung verlässt, das philosophische, vermeintlich neutrale Sprachspiel wählt. Simone Weil passe sich dem Diskurs der Arbeiterbewegung an. Ihr Fabriktagebuch kritisiert ein System, indem es die Erfahrungen der Schwächsten wahrnimmt und benennt. Um die Glaubwürdigkeit ihrer Analysen zu stützen und Autorität zu gewinnen, neutralisiert sie und macht das Geschlecht unsichtbar, als ob nur das allgemeingültig sei, was sich in den dominanten männlichen Erfahrungskategorien ausdrückt. Damit schreibt sie unausdrücklich die Marginalisierung fort. Ihre Texte verlieren durch die De-sexualisierung und De-historisierung leider ihre volle prophetische Kraft. Denn in den Fünfziger Jahren stehen in den rationalisierten Betrieben Frankreichs vermehrt auch Männer in schlecht qualifizierten Positionen. „In this respect, during the 1930's, 'la femme était bien l'avenir de l'homme'“.[62]

 

 


[1]Dancer in the Dark, Dk/S/F/D 2000, Regie: Lars von Trier.

[2]Simone Weil, Expérience de la vie d'usine, in: Oeuvres Complètes. Édition publiée sous la direction d'André A. Devaux et de Florence de Lussy. Tome II. Écrits historiques et politiques. Volume 2. L'expérience ouvrière et l'adieu à la révolution (juillet 1934-juin 1937), Gallimard: Paris 1991, 289-307, hier 290 in eigener Übersetzung. [Im Folgenden: OC II 2] Ich übersetze das französische homme geschechtsneutral, obwohl beide Stellen männlich konnotiert sind (und im zweiten Fall das männliche ouvrier verwendet wird), da in dem Abschnitt indirekt auch die Frauen erwähnt werden, nämlich durch den Hinweis auf die Maschine, die man bzw. frau bedient (siehe unten).

[3]Vgl. Robert Coles, Simone Weil. A Modern Pilgrimage, Addison-Wesley: Massachusetts 21989, 84.

[4]Brief an Auguste Detoeuf, in: Simone Weil, Fabriktagebuch und andere Schriften zum Industriesystem. Aus dem Französischen übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Heinz Abosch, Suhrkamp Verlag: Frankfurt a.M. 1978, 200.

[5]Zitiert bei Simone Pétrement, La vie de Simone Weil I (1909-1934). Avec des lettres et d'autres textes inédits de Simone Weil, Fayard: Paris 1973, 353. [Im Folgenden: SPI]

[6]Vgl.SPI 355f. Weil reagiert auf Trotzkis Polemik gelassen. Leicht amüsiert schreibt sie an ihre Mutter: "[...] <papa> m'a fait le grand honneur de me prendre à partie, au sujet de mon article, à grand renfort d'injures, dans une brochure dont La Vérité a publié un fragment. <Libéralisme vulgaire>, <exaltation anarchiste à bon marché>, <préjugés petits-bourgeois les plus réactionnaires>, etc., etc. C'est dans l'ordre. Mais, hélas! je n'ai plus aucune chance de le voir.'“ (SPI 383). Wie wir wissen, kommt es doch noch zu einer direkten Konfrontation mit Trotzki. Ende 1933 trifft Trotzki sich mit seinen Freunden [und Freundinnen?] in der Wohnung der Familie Weil, um die IV. Internationale vorzubreiten. Das Gespräch, das sich bei dieser Gelegenheit zwischen ihm und Simone Weil ergibt, wird von Weil im Nachhinein kurz festgehalten (vgl. die Notizen in Oeuvres Complètes. Édition publiée sous la direction d'André A. Devaux et de Florence de Lussy. Tome II. Écrits historiques et politiques. Volume 1. L'engagement syndical (1927-juillet 1934). Textes établis, présentés et annotés par Géraldi Leroy, Gallimard: Paris 1988, 320f. [Im Folgenden: OC II 1]

[7]Simone Weil, Perspektiven. Gehen wir einer proletarischen Revolution entgegen?, in: Dies., Unterdrückung und Freiheit. Politische Schriften. Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Vorwort von Heinz Abosch, Rogner&Bernhard: München ²1987, 135.

[8]Vgl. OC II 1, 216 und den Brief an U. Thévenon zit. von Géraldi Leroy, Introduction, in: OC II 1, 31 (beide Texte sind von 1933).

[9]Die Abkürzung M.O.R. steht für Minorité Oppositionnelle Révolutionnaire und meint die kommunistische Minderheit in der Gewerkschaft der Lehrer und Lehrerinnen. Zur Stellung Simone Weils innerhalb der Linken Frankreichs vgl. Domenico Canciani, Simone Weil entre fidelité et dépassement. À propos du contexte et des sources des 'Réflexions', in: Cahiers Simone Weil XXI (1998) 61-84.

[10]Géraldi Leroy, Introduction, in: OC II 1, 32.

[11]Perspektiven 113.

[12]Vgl. ebd. 116.

[13]Ebd. 118.

[14]Ebd. 128.

[15]Susanne Sandherr, Ius talionis? Simone Weils biblische Kritik der Macht, in: Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie 47 (2000) 402-437, hier 410 und 412. Dies., Simone Weil: Kritik der Macht. Eine Skizze, in: Valentin, Joachim, Wendel, Saskia (Hrsg.), Jüdische Traditionen in der Philosophie des 20. Jahrhunderts, Primus-Verlag: Darmstadt 2000, 179-195.

[16]Vgl. Simone Weil, En marge du comité d'études, in: OC II 1, 68-70, und Rolf Kühn, Deuten als Entwerden. Eine Synthese des Werkes Simone Weils in hermeneutisch-religionsphilosophischer Sicht, Herder: Freiburg u.a. 1989, 43f.

[17]Vgl. dazu David McLellan, Utopian Pessimist. The Life and Thought of Simone Weil, Poseidon Press: New York 1990, 76-78.

      Marx stelle den Mechanismus der kapitalistischen Unterdrückung so gut dar, „dass man sich nur mit Mühe vorstellt, wie dieser Mechanismus je zu funktionieren aufhören könnte“ (Unterdrückung und Freiheit 154). Man müsse folglich annehmen, dass seine Revolutionshoffnung andere Wurzeln aufweise. Die Technik- und Fortschrittsgläubigkeit seiner Zeit habe es Marx ermöglicht, seine humanistischen Ideale mit seinem Materialismus zu versöhnen.

[18]Sandherr, in: FZPhTh 47 (2000) 412.

[19]Vgl. Robert Chevanier, Esquisse d'un tableau historique des limites idéales du progrès humain, in: Cahiers Simone Weil XXI (1998) 31-47 sowie die zwei oben erwähnten Artikel von Sandherr.

[20]Vgl. Simone Weil, Reflexionen über die Ursachen der Freiheit und der sozialen Unterdrückung, in: Dies., Unterdrückung und Freiheit. Politische Schriften. Aus dem Französischen übersetzt und mit einem Vorwort von Heinz Abosch, Rogner&Bernhard: München ²1987, 224.

[21]Simone Weil, Cahiers. Aufzeichnungen. Erster Band. Herausgegeben und übersetzt von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz, Carl Hanser Verlag: München-Wien 1992, 72f.

[22]Vgl. Simone Weil, Leçons de philosophie (Roanne 1933-1934). Transcrites et présentées par Anne Reynaud-Guérithault, Plon: Paris ²1989, 75.

[23]Siân Reynolds, Simone Weil and Women Workers in the 1930s, in: Cahiers Simone Weil XIX (1996) 97-113, 101.

[24]Ihr Entscheid löste im Kreise ihrer Freundinnen und Freunden, die den Sinn des Experiments bezweifelten, Diskussionen aus. Vgl. dazu Albertine Thévenon im Vorwort zum Fabriktagebuch, 20.

[25]Brief an eine Schülerin, in: Fabriktagebuch 34. Vgl. die Einschätzung von Robert Coles: „I do not think Simone Weil intended her factory work to be a political statement per se - the intellectual who renounces her class position in favor of the hardships of another, class-connected situation. Factory work, for her, was a means of exploring an aspect of French life then very much at the center of a political battle. She wanted to take a firsthand look so she could influence the outcome of the battle. She recognized that her experience was that of a temporary outsider, in a given situation voluntarily and briefly“ (Coles 82f.).

[26]Barbara Rohr, Verwurzelt im Ortlosen. Einblicke in Leben und Werk von Simone Weil, LIT Verlag: Münster 2000, 47.

[27]Brief an Albertine Thévenon, in: Fabriktagebuch 25.

[28]SPI 118.

[29]Vgl. Reynolds 100.

[30]Vgl. Brief an eine Schülerin, in: Fabriktagebuch 33.

[31]Ebd. 32

[32]Fabriktagebuch 47.

[33]OC II 2, 200.

[34]Brief an eine Schülerin, in: Fabriktagebuch 33.

[35]Fabriktagebuch 84.

[36]Ebd. 47.

[37]Vgl. Simone Pétrement, La vie de Simone Weil II (1934-1943). Avec des lettres et d'autres textes inédits de Simone Weil, Fayard: Paris 1973, 43f.

[38]Fabriktagebuch 52.

[39]Vgl. folgende Episode auf der Arbeitssuche: „Den ganzen Vormittag ein ungewöhnlich freies, zwangloses Gespräch zu dritt auf einer Stufe oberhalb der Existenznöte, die die beherrschende Sorge der Sklaven, vor allem der Frauen, bilden. Welch eine Wohltat nach Alsthom! [...] Vollständige Kameradschaft, zum ersten Mal in meinem Leben. Keine Schranke, weder Klassenunterschied (da er beseitigt ist) noch Geschlechtsunterschied. Wundervoll.“ (Fabriktagebuch 93f.)

[40]Vgl. Reynolds 104.

[41]Die Verachtung der Männer wird von Weil im Tagebuch explizit festgehalten: „Geschlechtertrennung, Verachtung der Frauen durch die Männer, Zurückhaltung der Frauen den Männern gegenüber (ungeachtet des Austauschs obszöner Spässe)“ (Fabriktagebuch 98).

[42]Vgl. Brief an Albertine Thévenon, Fabriktagebuch 26. Die folgende Aussage von Dorothee Beyer ist - angesichts der  klaren Texte - überraschend undifferenziert: „Sie macht zunächst die Erfahrung des Neides und des Egoismus unter den Arbeitern, später auch die der Solidarität.“ (Dorothee Beyer, Simone Weil. Philosophin - Gewerkschafterin - Mystikerin, Matthias-Grünewald-Verlag: Mainz 1994, 55) Beyer blendet sowohl die Frauen als Subjekte des Neides und des Egoismus wie das strukturelle Moment aus.

[43]Fabriktagebuch 46.

[44]Vgl. Brief an Albertine Thévenon, in: Fabriktagebuch 30.

[45]Brief an Auguste Detoeuf, in: Fabriktagebuch 198.

[46]Ebd.

[47]Fabriktagebuch 126.

[48]Brief an Albertine Thévenon, in: Fabriktagebuch 24.

[49]Ebd. 30.

[50]Vgl. Brief an Auguste Detoeuf, in: Fabriktagebuch 197.

[51]Fabriktagebuch 121. Vgl. Anne Roche, Introduction, in: OC II 2, 159.

[52]Vgl. Simone Weil, Attente de Dieu. Introduction et notes de J.-M. Perrin OP, La Colombe: Paris 1950, 126.

[53]Fabriktagebuch 121.

[54]Simone Weil, Fragmente, in: Fabriktagebuch 138.

[55]Fabriktagebuch 90.

[56]Vgl. Anne Roche in der Einleitung: „On croit toujours qu'il y a un impensé du corps chez Simone Weil, et c'est en partie vrai, mais, dans le Journal d'usine, on ne peut jamais oublier la présence d'un corps souffrant. [...] Ce corps souffrant n'est pas néanmoins prisonnier de sa souffrance. Il reste capable d'observer la souffrance des autres, et ses causes“ (OC II 2, 159).

[57]Die Verbindung von eigener Erfahrung und der Kategorie des Unglücks wird von Moulakis festgehalten, das Frausein Weils blendet er jedoch aus, wenn er schreibt: „Das Leiden, malheur, ist physischer Schmerz, Bedrängnis der Seele und soziale Degradation zugleich: alle drei nach Simone Weils Erfahrung konstitutive Momente der Existenz des Fabrikarbeiters.“ (Athanasios Moulakis, Simone Weil. Die Politik der Askese, Klett: Stuttgart 1981, 127.  Hervorhebung von A.B.S.)

      Es ist nicht meine Absicht, Simone Weil zur Feministin zu erklären - dies wäre anachronistisch. Die Spuren feministischen Bewusstseins im Fabriktagebuch - das Geschlecht wird in neuer Weise thematisiert und die Mechanismen der Unterdrückung benannt - sollten jedoch wahrgenommen werden. Simone Weil gegen den Feminismus auszuspielen, wie Dorothee Beyer es tut, scheint mir in vielfacher Hinsicht ungerechtfertigt. Beyer hält fest, dass für Simone Weil „vor allem die Frauen die Klasse der Unterdrückten, Gedemütigten und Entwürdigten darstellen“, beruft sich dann aber auf Weils Erfahrung vollkommener Kameradschaft im Gespräch mit zwei Arbeitern (vgl. oben Anm. 41: „weder Klassenunterschied [...] noch Geschlechtsunterschied“), um festzustellen: „Zugleich zeigt das Zitat auch, warum Simones Interesse nicht nur den Arbeiterinnen, sondern der ganzen Arbeiterklasse gilt und warum sie sich nicht als Feministin versteht. Sie lehnt es ab, ihre Aufmerksamkeit aufzuspalten, sie will sich für alle Benachteiligten einsetzen. Ein früher Zug zur Universalität wird sichtbar, ebenso wie ein frühes Bemühen um Einheit, um Synthese. Sie sucht Gegensätze jeder Art zu überwinden, sowohl Klassengegensätze als auch geschlechtsspezifische Unterschiede. Man kann vermuten, dass Simone sich nicht der feministischen Bewegung angeschlossen hat, um nicht nur für einen Teil der Unterdrückung zu kämpfen.“ (Beyer, Simone Weil, 58f.) Es stellt sich die Frage, ob es sich hier wirklich um ein Votum zu Simone Weil oder eher um ein Votum Beyers gegen den Feminismus handelt. Als störend empfinde ich in diesem Zusammenhang auch, dass Dorothee Beyer Simone Weil allein mit ihrem Vornamen anführt. Damit wird hier einmal mehr de-sexualisiert und das Frausein der Philosophin ausgeblendet. Indem die erwachsene Frau zum unmündigen Mädchen gemacht wird, schafft Beyer zudem eine eigenartige Nähe. Die Leserin und der Leser wird der Philosophin gegenüber in ein hierarchisches Verhältnis gedrängt.

[58]Reynolds 105.

[59]Brief an einen Ingenieur-Betriebsleiter, in: Fabriktagebuch 165.

[60]Vgl. Reynolds 108 mit Hinweis auf den frankophonen Raum. Beispiele lassen sich jedoch auch für die deutschsprachige Rezeption finden, so etwa die ansonsten empfehlenswerte Einführung von Wimmer, die den Artikel kurz erwähnt. (Vgl. Reiner Wimmer, Simone Weil, in: Ders., Vier jüdische Philosophinnen, Attempto: Tübingen 1990, 97-168, 132)

      Der während dem Krieg publizierte Artikel Expérience de la vie d'usine wurde von den Herausgebern der Zeitschrift Économie et humanisme als Arbeit eines jungen Intellektuellen präsentiert. (Vgl. Reynolds 111)

[61]Reynolds 106.

[62]Siân Reynolds zitiert Sylvie Zerner ('die Frau war wirklich die Zukunft des Mannes'), in: Reynolds 111.