Habitus, Identität und die exilierten Dispositionen  
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Kurzfassung der Vorträge

Ágoston Zénó Bernád
Samu Fényes' Zeitschriften "Diogenes" (1923-27) und "Das Wort" (1927-28) in Wien
Die weit reichende kulturelle Tätigkeit von Samu Fényes (1863-1937) hat bislang keine Resonanz in der wissenschaftlichen Diskussion über die ungarischen Migranten in Wien gefunden. Fényes, ein Rechtsanwalt, der sich früh für eine andere Laufbahn entschied, wurde Schriftsteller, Dramatiker und Philosoph, übersetzte in Ungarn als Erster Nietzsches Also sprach Zarathustra und hielt als Gründer der Úttörőtársaság (Pioniergesellschaft) über tausend populärwissenschaftliche Vorträge in ganz Ungarn. Nach dem Sturz der Räterepublik wurde Fényes, der zu den Gründungsmitgliedern des Galilei Kör (Galilei-Kreis) gehörte, inhaftiert und emigrierte schließlich 1920 nach Wien. In Wien gab Fényes zwei Periodika heraus. Zwischen 1923 und 1927 Diogenes, eine Wochenzeitschrift in ungarischer Sprache, und 1927-1928 eine deutschsprachige, reichlich illustrierte, jedoch kurzlebige Wochenschrift unter dem Titel Das Wort. Wochenschrift über alles für alle. Die Zeitschrift Diogenes war in Österreich, der Tschechoslowakei und Jugoslawien beziehbar, doch vermutlich ob der geographischen Nähe konzentrierte sich der Herausgeber neben auf Wiener insbesondere auf Pressburger Abonnenten. Fényes definierte die Zeitschrift als ein interessantes und vielseitiges Medium, welches für Aufklärung, Progression und Humanismus stehe, zugleich aber auch als einen Ort des Kampfes gegen Klerikalismus und Antisemitismus. Neben literarischen, politischen und philosophischen Beiträgen wurde auch der darstellenden Kunst, der Filmtheorie und sogar naturwissenschaftlichen Fragen ein breiter Platz eingeräumt. Zu den Autoren der Zeitschrift gehörten neben dem Herausgeber u.a. Béla Balázs, Lajos Kassák, Anna Lesznai, Andor Németh und Attila József. Im Vordergrund, obwohl wegen der titelgebenden Figur des kynischen Philosophen von Fényes oft betont, stand weniger die Suche nach dem Menschen, sondern vielmehr dessen Erziehung im Sinne eines aufklärerischen Programms. Eine entsprechende Tätigkeit entfaltete Fényes bereits in Ungarn mit der Zeitschrift Úttörő (Pionier) und der Úttörőegyesület (Pioniergesellschaft), ein (Lebens-)Programm, das mit der Herausgabe seiner ersten Wiener Zeitschrift, den in Wien und Pressburg stattfindenden Vortragabenden und der Diogenes iskola (Diogenes-Schule) fortgesetzt wurde. Das Erscheinen der Zeitschrift musste wegen Überschuldung eingestellt werden. Während Diogenes eine größtenteils von Migranten geschriebene Wochenzeitschrift war, welche sich an Migranten und an regimekritisch eingestellte Leser in Ungarn und in den Nachfolgestaaten der Monarchie wandte, zeugen die unter dem Pseudonym Lucentius veröffentlichten Begrüßungsworte Fényes' in seiner deutschsprachigen Zeitschrift Das Wort von einer Zäsur und Neuorientierung. Von Klassenkampf ohne Hass ist da die Rede und von der erzieherischen Verantwortung des durch die Kriegsfolgen beinahe liquidierten Bürgertums gegenüber der Arbeiterklasse. Doch der wesentliche Unterschied zwischen den beiden Medien lag darin, dass sich Das Wort nicht nur durch die Wahl der Sprache, sondern auch durch seine fast ausschließlich deutschsprachigen Autoren sowie durch die Thematik der veröffentlichten Beiträge ganz eindeutig von den Migranten als potenzielles Lesepublikum abwandte und sich österreichischen, insbesondere Wiener, Themen und Problemen widmete. Der Vortrag soll, neben der Darstellung und Analyse beider Periodika, in erster Linie auf die Fragen eine Antwort finden, wie diese Zäsur, die Abwendung vom ursprünglichen Zielpublikum, entstand, was zu der (sprachlichen) Neupositionierung in der Tätigkeit als Herausgeber führte und schließlich welche Folgen dies für den Migranten Samu Fényes hatte.

Katharina Brizić
Gesprochene und verschwiegene Sprachen, Identität und Bildungserfolg in der Migration – ein sprachwissenschaftlich-interdisziplinäres Modell
Der Vortrag befasst sich - zunächst in augenscheinlichem Kontrast zu den Zielsetzungen des Workshops - mit jenem Segment der MigrantInnen in Österreich, die in den unteren, nicht-wissenschaftlichen und nicht-künstlerischen Gesellschafts- und Berufsbereichen angesiedelt sind: mit Arbeitsmigrantenfamilien aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien, mit ihren Kindern und mit deren Bildungserfolg.
Jedoch ist dieser Ausgangspunkt zugleich auch schon wieder der Anlass, sich vom genannten, rein österreich-spezifischen Problembereich abzuwenden: Denn die Suche nach den Ursachen für den höchst unterschiedlichen Bildungserfolg dieser Migrantenkinder führt bis weit zurück bis in die Herkunftsländer und in deren sprachen- und minderheitenpolitische Geschichte. Erst in diesem Kontext zeigen sich jene Linien und Brüche, die nicht erst im Leben der Kinder, sondern bereits im Leben der Eltern und schon vor deren Auswanderung entstanden sind und in die Migration mitgebracht werden. Die Linien und Brüche aber, um die es hier geht, betreffen ein ganz bestimmtes und für die menschliche Identität überaus zentrales Gebiet: die (eigene) Sprache.
Wie aus erlebter und weitergegebener Erfahrung sprachlicher Habitus entsteht und was verdrängte, verschwiegene, ja sogar aufgegebene sprachliche Identität für die Familien - und letztlich auch für den Bildungserfolg ihrer Kinder - bedeuten kann, darüber gibt die hier vorzustellende Untersuchung Aufschluss.
Sie geht aber noch ein Stück weiter und befasst sich - nun doch - auch mit jenem (sprachlichen) Habitus, der dem der Arbeitsmigrantenfamilien vielfach so entgegengesetzt scheint: mit dem der intellektuellen Migration; das alles an einem Beispiel, das aus vielerlei Gründen die aktuelle Medienwelt intensiv in Beschlag nimmt: am Beispiel des Auswanderungslandes Türkei.
Und hier zeigt sich, wie sehr - bei allen augenscheinlichen Unterschieden - das Verschwiegene und Verdrängte, ja sogar das Aufgegebene, kurz: die tradierten (sprachlichen) Linien und Brüche sowohl der Arbeits- als auch der intellektuellen MigrantInnen einander ergänzen, spiegeln, gar ähneln. Die Arbeitsmigration präsentiert sich an diesem Beispiel als eine Herausforderung an die intellektuelle Migration, auch ihren (sprachlichen) Habitus kritisch zu betrachten. Das Modell, das gebildet wurde, um die eingangs genannten großen Unterschiede im Bildungserfolg zu erklären, erhebt jedoch nicht nur Anspruch, für das Herkunftsland Türkei und seine MigrantInnen anwendbar zu sein; es ist gedacht, auch für andere Herkunftskontexte vielleicht Anstoß zu bieten, gebräuchlichen Erklärungsansätzen die eine oder andere neue Sichtweise entgegenzustellen.

Pál Deréky
Zoff bei den Wiener Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1959 - Ungarische Exilstudenten als Apologeten des Volksaufstandes 1956
Der am 10. November 1945 gegründete WBDJ (Weltbund der demokratischen Jugend) und der am 27. August 1946 gegründete ISB (Internationaler Studentenbund) fassten den gemeinsamen Beschluss, ein Weltjugendtreffen zu veranstalten. Diese Treffen sollten "die internationale Freundschaft und Verständigung der Jugendlichen der verschiedenen Länder entwickeln und verstärken, einen wichtigen Beitrag zum Wiederaufbau der Welt und zur Erhaltung des Friedens leisten und mit allen geeigneten Mitteln das Leben, die Tätigkeit, die Bestrebungen der Jugend der verschiedenen Länder zeigen". Während der etwa zehntägigen Veranstaltung wurde diskutiert und gefeiert, die Jugendlichen lieferten sich Sportwettkämpfe, hörten sich Vorträge an, schlossen Freundschaften, sie spielten Musik oder genossen die verschiedensten Darbietungen. Die Feststimmung wurde zum Großteil von jener freudigen Erkenntnis ausgelöst, wie einig sich die vielfarbige, vielsprachige, sehr unterschiedlich sozialisierte Weltjugend in dem Bestreben nach der Wahrung des Weltfriedens war. Zur Zeit des Kalten Krieges war der Ausbruch eines dritten Weltkriegs durchaus im Bereich des Möglichen. Zudem sind Jugendtreffen immer lustig.
Das erste Weltjugendtreffen fand 1947 in Prag statt. Zu dieser Zeit waren sowohl der WBDJ als auch der ISB noch offene, linke, antifaschistische Jugendorganisationen. Parallel zur Gleichschaltung des Ostblocks verkamen auch diese Organisationen - und auch die Idee der Weltfestspiele der Jugend - zum bloßen Propagandainstrument der aus Moskau gelenkten kommunistischen Parteien. Das Budapester Weltjugendtreffen im Jahr 1949 war bereits eine ideologisch sorgfältig geplante und straff durchgeführte Propagandaveranstaltung, bei der nichts mehr dem Zufall überlassen wurde. Auch nicht-kommunistische Jugendorganisationen waren noch zugelassen, eine Rolle bei der Mitgestaltung konnten sie aber nicht mehr spielen. Die Teilnahme solcher Vereine wie der YMCA an einem Weltjugendfestspiel (oder an mehreren wie 1951 in Ost-Berlin, 1953 in Bukarest, 1955 in Warschau und 1957 in Moskau) wurde immer mehr zum Kuriosum. In Moskau wurde beschlossen, das Weltjugendtreffen 1959 in einem kapitalistischen Land, namentlich im neutralen Österreich, abzuhalten (1962 übernahm Helsinki, die Hauptstadt eines ebenfalls neutralen Landes, die Gastgeberrolle, die Veranstaltung des Festivals in einem Land des Feindes kam nie in Frage). In Wien kam es - kontrolliert von der Staatsgewalt - zu einigen Auseinandersetzungen, während der gesamten Dauer der Festspiele wurde jedoch eine massive antikommunistische Propagandaoffensive durchgeführt.
An dieser Konfrontation nahmen auch ungarische Exilstudenten teil, die nur zweieinhalb Jahre zuvor nach der Niederschlagung des Volksaufstandes durch sowjetische Truppen nach Österreich geflüchtet waren. Sie wurden vom Österreichischen Bundesjugendring, von der Katholischen Jugend sowie von der UFHS (Union of Free Hungarian Students, Genf) unterstützt und setzten sich die Aufklärung der jugendlichen Festivalteilnehmer zum Ziel: 1956 sei keine Konterrevolution gewesen, wie von der sowjetischen Propaganda behauptet, sondern eine antistalinistische, reformsozialistische Revolution, die im Falle des Sieges keineswegs die volle Restauration der Zustände vor 1945 angestrebt hätte, sondern eine Jugoslawien-ähnliche Neutralität (Selbstverwaltung, Arbeiterräte usw.). Den ungarischen Teilnehmerinnen und Teilnehmern sollten Dokumente über die brutalen Vergeltungsmaßnahmen angeboten werden. Die Zielpersonen waren indes junge Burschen und Mädchen, Gäste eines lustigen Riesenspektakels, sie wollten nicht an die blutigen Schatten der nahen Vergangenheit erinnert werden. Die ungarische Delegation war besonders sorgfältig abgeschirmt und alle Gäste wussten um die Gefahr, in die sie sich begaben, sollte bei ihnen "konterrevolutionäres" Material gefunden werden (es gab gegen Ende der Festspiele tatsächlich Zimmerdurchsuchungen, Leibesvisitationen und sofort getroffene Strafmaßnahmen).
Im Herbst des Jahres 2005 kam eine unmittelbar nach dem Ende des Festivals abgefasste Sachverhaltsdartellung einer der Koordinatoren zum Vorschein, und es war mir gelungen, mit drei ehemaligen TeilnehmerInnen Gespräche zu führen. Ausgehend von ihrer Familiengeschichte und ihrem Vorleben bis 1956 sowie ihrer Darstellung der eigenen Beteiligung am Volksaufstand versuche ich die Entstehung ihrer militant antikommunistischen Einstellung im Exil - zumindest bis zum Ende des Studiums - nachzuzeichnen und, falls möglich, auch einen Ausblick auf die Weiterentwicklung dieser Geisteshaltung in den Jahren des so genannten "Gulaschkommunismus" bieten.

Gábor Felkai
Die Konstruktion des Fremden im Werk von Georg Simmel, Alfred Schütz und Werner Sombart
Der von uns geplante Vortrag über die Konzeptualisierung des Fremden verfolgt die Absicht, begriffliche Muster der Migration in der frühen deutschen Soziologie zu identifizieren und einer soziologiegeschichtlichen Analyse zu unterziehen. Dabei werden drei typische Perspektiven aufgedeckt: die einer Innenansicht vom Blickwinkel eines Betroffenen (Simmel), die einer "objektivistisch"-sozialpsychologischen Anschauung des in der Fremde sich zurechtfinden Wollenden sowie des Heimkehrenden, und schließlich die Perspektive des von Fremden "Heimgesuchten" (Sombart).
Wie aus dem vorhin Gesagten folgt, richten wir unser Augenmerk nur im Falle von Schütz auf die - ansonsten sehr umfangreiche und mannigfaltige - Exilliteratur (In Bezug auf die sozialwissenschaftliche Exilliteratur wäre unbedingt zu nennen: Grünfeld (1939), König (1981)); unser Interesse richtet sich mehr auf allgemeine Fragen der Konstruktion des Verhältnisses von "Fremdsein" und "Zuhausesein" in der deutschen Sozialwissenschaft, da wir in ihnen allgemeine Begriffsschemata zu entdecken vermeinen, die eine soziale Mehrheit auch heute noch gegenüber Minderheiten und eine gewordene Minderheit gegenüber einer sozialen Mehrheit als Orientierungsmittel anwenden.
Literatur
Grünfeld, Ernst (1939): Die Peripheren. Ein Kapitel Soziologie, Amsterdam
König, René (1981): "Die Situation der emigrierten deutschen Soziologen in Europa", in: Wolf Lepenies (Hg.): Geschichte der Soziologie. Studien zur kognitiven, sozialen und historischen Identität einer Disziplin. Bd. 4, Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag, S. 115-158.
Schütz, Alfred (1972a): "Der Fremde", in: ders.: Gesammelte Aufsätze Bd. II: Studien zur soziologischen Theorie. Den Haag: Martinus Nijhoff, S. 53-69.
Schütz, Alfred (1972b): "Der Heimkehrer", in: ders.: Gesammelte Aufsätze Bd. II: Studien zur soziologischen Theorie. Den Haag: Martinus Nijhoff, S. 70-84.
Simmel, Georg (1992): "Exkurs über den Fremden", in: ders., Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. Georg Simmel Gesamtausgabe Bd. 11, Frankfurt/M.: Suhrkamp Verlag, S. 764-771.
Sombart, Werner (1911): Die Juden und das Wirtschaftsleben. Leipzig: Verlag von Duncker & Humblot
Sombart Werner (1913): Der Bourgeois. Zur Geistesgeschichte des modernen Wirtschaftsmenschen. München: Verlag von Duncker & Humblot

Christian Fleck
Eine kollektivbiografische Analyse zweier Generationseinheiten deutschsprachiger Sozialwissenschaftler in der Zeit der Nazi-Herrschaft
Auf der Basis von (individual-)biografischen Daten von 826 deutschsprachigen Akademikern (7 Prozent davon waren Frauen), die zwischen ca. 1925 und ca. 1955 durch sozialwissenschaftliche Veröffentlichungen hervortraten, wird versucht unter Bezugnahme auf das Konzept von Karl Mannheim zwei Generationseinheiten vergleichend zu betrachten: Jene, die zu irgend einem Zeitpunkt ihr Ursprungsland verlassen mussten und diejenigen, die keine Migration aufwiesen. Als weitere Vergleichsdimension wird zwischen "Deutschen", "Österreichern" und "Doppelbürgern" (die in beiden Ländern tätig waren) unterschieden. Diese Gruppen werden hinsichtlich ihrer sozialen Herkunft, Religionszugehörigkeit, Alter, Berufskarriere und erworbener Reputation miteinander verglichen. In einem zweiten Schritt werden dann deutsche und österreichische Emigranten miteinander verglichen, wobei hier als zusätzlich Dimension die ethno-religiöse Zugehörigkeit zur Gruppe der Juden bzw. Nicht-Juden herangezogen.
Dabei zeigen sich einige interessante Gemeinsamkeiten und Differenzen, die sich, wie argumentiert werden wird, allerdings nicht in das begriffliche Korsett von "Habitus, Identität und exilierte Dispositionen" pressen lassen. Der Vortrag schließt mit Hinweisen darauf, warum das so ist - und warum die gebotenen Daten und Interpretationen dennoch eine gehaltvolle und das bisherige Bild von Emigranten und "Daheimgebliebenen" revidierende Sicht ergeben.

Amália Kerekes
Taktik und Ethik? Die kulturpolitische Publizistik von Béla Balázs in der Wiener Emigration
Die vorsichtig geschätzt 700 Artikel, die Béla Balázs zwischen 1920 und 1926 in den unterschiedlichsten ungarisch- und deutschsprachigen Blättern Wiens untergebracht hat, lassen aufgrund der thematisch-ideologischen Splitterung der Zeitschriftprofile die Annahme zu, dass der publizistischen Grundposition von Balázs Anknüpfungs- und Erweiterungsmöglichkeiten innewohnen, die als Mittelfeldspiel im taktischen Sinne des Wortes den sich von Mal zu Mal nach festen Grenzen organisierenden Gruppierungen der ungarischen Emigration entgegenarbeiten.
In den ungarischsprachigen Zeitschriften tritt er als Dichter und als für die Kanonisierung der Emigrationsliteratur zuständiger Literaturhistoriker auf und grenzt sich im Wesentlichen nur von den Blättern der Kommunistischen und Sozialdemokratischen Partei sowie vom Zentralorgan der ungarischen Avantgarde ab, deren starke Profilierungen für Balázs eine viel zu flache, banal dialektische Antwort auf seine grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis von Ideologie, Materialität und Tat bereitstellen.
Trotz aller ideologischen Skepsis hatte er jedoch bei der liberalen Zeitung Der Tag fast vier Jahre lang eine Position inne, die ihm nahezu täglich ein kulturpolitisches Bekenntnis abverlangte. In den Kulturrubriken der Zeitung wie Filmreporter, Von Tag zu Tag und Was soll man lesen erscheinen aktivistisch und programmatisch angelegte Kritiken und Feuilletons von Balázs, insgesamt etwa 500, die zugleich den Großteil der Korrespondenz mit der Leserschaft beinhalten. Somit wird eine Definitionsmacht an Balázs delegiert, die einen leicht demagogischen Duktus nach sich zieht. Der Bildungskanon, der mit den thematischen Sammelrezensionen erstellt wird, die Filmkritiken, in denen die Leser zur aktiven Mitgestaltung der Wiener Kinopolitik aufgefordert werden, und die Feuilletons, die Porträts, Reiseberichte und kurze kunstphilosophische Traktate umfassen, lassen die Umrisse einer Figur durchscheinen, die, getragen von den Gattungskonventionen der journalistischen Kleinprosa, mit der Gründung des Blattes entsteht und die sich abgesehen von einem halben Dutzend Artikel nicht als Emigrant aus Ungarn positioniert.
Diese Elastizität ermöglicht die umfassende Reflexion der verschiedenen kulturpolitischen Sparten, setzt aber die feste Fundierung einer Stimme, eines Profils als Bedingung jedweder journalistischen Äußerung voraus, die im Fall von Balázs die Frage aufwirft, inwiefern diese Funktionalität innerhalb der Zeitschriften Verbindungsmöglichkeiten, eine eventuelle Gesamtschau seines publizistischen Schaffens zulässt, ob die eher latenten ideologischen Inhalte zur Konstruktion einer Persona beitragen können und überhaupt ausreichen, den Nachweis eines kulturpolitischen Engagements erbringen zu können - oder den Idealismus dieser Problemstellung, die die Grundparameter der hauptsächlich entweder auf Personen oder auf einzelne publizistische Organe gerichteten Emigrationsforschung hinterfragen möchte, vollends obsolet machen.

David Kettler
Antifascism in Exile and Return
1. This paper is offered as a preface to an inquiry into the vicissitudes of antifascism as political paradigm. A reading of the Western European political scene as primarily a scene of struggle against fascism has had a complex career. Outside of Italy, it emerges as a rather marginal instrument of Communist ideological politics in the 1920s and early 1930s, with little evident effect outside party ranks, if only because of the conjunction with the partys campaign, notably in Germany, against the Social Democrats as social fascists. With Hitlers victory in Germany, antifascism takes on fresh forms and gains new proponents, notably among exile groups, although Communist organizations sought to maintain control of the theme. The Stalinist purges after 1936 and the interlude of the Stalin-Hitler Pact changed the dynamics, strengthening the non-Communist elements among antifascists in the West, and putting pressure of Communist unity. The conditions of war, resistance, and concentration camp organization further shifted and diversified antifascism as a frame of reference. In the postwar and cold war periods, the instrumentalization of antifascism as legitimating myth and propaganda motif by the regime of the DDR largely discredited this interpretation of current history in Western countries, apart from Italy. Yet some controversy remains, especially in the former West Germany, as witness a telling remark among the recent outbursts against Günter Grass: jetzt ist nicht nur der Faschismus diskreditiert, sondern auch ein selbstgefällig eitler Antifaschismus. On the other hand, President Bush and several of his supporters have recently attempted to put on the garb of Antifascism, as they improbably liken their Islamic enemies to Fascists.
2. An obvious difficulty with antifascism as an object of study is its vaguely delimited, protean character. Antifascists disagree among themselves about some of the most important political issues, including the definition of Fascism. Where antifascism is not a thinly disguised version of Communist ideology, it appears to lack the structural constraints of total ideologies, to avert to Mannheims concept, or, in Michael Freedens terms, it is one of the 'thin' ideologies, with an insufficient repertoire to match on their own the greater complexity and range of the major ideological families unless contained within a larger structure (communism, socialism, etc.).
3. Yet the agreement that the threat and reality of Fascism are in some sense the defining political features of the epoch and that the overcoming of Fascism is the definitive political objective (or accomplishment) is sufficiently clear to permit distinctions to be made between antifascists and others, who do not dichotomize the political world in this way, or who subsume the phenomena classed as fascism under some different frame of reference, like totalitarianism or Holocaust or aggressive nationalism. Each of these competing diagnoses of the times (or formations of memory) corresponds to a range of political aims and strategies: they are practical political paradigms, and not only in the impoverished Schmittian sense of distinguishing friends and enemies.
4. My present interest in this phenomenon arises out my recent work on exile and return, focusing, first, on some political scientists, notably Franz L. Neumann, who fled Hitler in the 1930s, and second, on self-identified antifascist returnees from concentration camp exile, comparing the cases of Holland with the German Democratic Republic. The question is about the defeat and distortion of the antifascist political paradigm.

Karoly Kokai
Bemerkungen zur Kulturgeschichte der Migration
Der Beitrag von Migranten zur Kultur, insbesondere die Aufzählung ihres Beitrags zur Kultur der aufnehmenden Gesellschaft bzw. zur Weltkultur während ihres Aufenthaltes in dieser, ist Gegenstand von kulturgeschichtlicher Forschung und die bisherigen Ergebnisse lassen vermuten, dass in diesem Bereich in der Zukunft noch einiges zu erwarten ist. Die kulturgeschichtliche Untersuchung von Migration ermöglicht allerdings auch negative Fragen systematisch zu untersuchen, wie z. B. warum gewisse kulturelle Listungen nicht zustande kamen, und auch die Folgefragen: warum diese erst in einem anderen kulturellen Umfeld möglich oder erfolgreich waren und warum andere unerkannt und unverstanden geblieben sind, also warum etwas ‚Fehl am Platz war' und was dies über den Platz aussagt. Jene Ergebnisse lassen auch die grundlegendere Frage stellen, was Migrationsforschung für die Disziplin Kulturgeschichte bedeutet.
Kulturgeschichte wird zurzeit häufig als Kulturwissenschaft bzw. Kulturwissenschaften diskutiert und dementsprechend durch Pluralität, Interdisziplinarität, Internationalität (neuerdings auch Transnationalität etc.) charakterisiert, also durch etwas, was überkommene und starre disziplinäre und methodologische Grenzen außer Kraft zu setzten verspricht und so dem untersuchten Gegenstand angemessener scheint. Die Kulturgeschichte, die durch Analyse der Beiträge von Migranten skizziert wird, ordnet sich in dieses Schema so gut ein, dass sie geeignet zu sein scheint, eine paradigmatische Rolle zu übernehmen. Migranten sind ja durch ihre Migrationsgeschichte international und oft in einer Reihe von Disziplinen tätig und überschreiten die Grenzen dieser Disziplinen notgedrungen öfters. Migration selbst ist bereits ein Phänomen, das heterogen und mehrdeutig ist.
Die Verknüpfung von Kulturgeschichte und Migrationswissenschaften ergibt eine spezifische Sicht auf Kultur. Heterogenität, Multikulturalität, Kulturtransfer, die Aufeinanderbezogenheit von Erfolg und Scheitern rücken in den Mittelpunkt. Die Konzentration auf die Wanderung von Einzelnen und Gruppen (so etwa von Intellektuellen, Wissenschaftlern und Künstlern) ermöglicht, ein bestimmtes Spektrum von Motiven und Gründen, von Erklärungsmustern, Begründungszusammenhängen und Fragestellungen in einer Tiefe und Gründlichkeit zu untersuchen, die ansonsten unangebracht erscheinen mag. Sieht man etwa Migration als Mittel der Systemkritik an, lässt sich das fragliche Gesellschaftssystem unkritisch, naiv und bloß affirmativ gar nicht beschreiben. Also nicht erst das, was untersucht werden soll (einzelne Kulturproduzenten und ihre kulturelle Produktion), muss differenzierter angegeben werden, sondern auch das, was dessen Zusammenhang, den Kontext bildet. Wenn man über Migranten und Migrationswellen spricht, kann das Konzept einer homogenen Gesellschaft gar nicht auftauchen, bei der Diskussion von unterschiedlichen Kulturen ist das Konzept einer einheitlichen Kultur hinfällig. Scheitern wird vielfach als Voraussetzung von Erfolg erscheinen - womit die zwei gegensätzlichen Konzepte teilweise ineinander aufgehen. Die für eine Ereignisgeschichte relevanten Aspekte treten in den Hintergrund und überlassen den Platz dem Entfalten und Verstehen dessen, worum es geht: um die Bedeutung von konkreten Kulturleistungen und zugleich auch um das Beschreiben von Praxisformen der Migration bzw. Migranten, um die Einbettung besagter (und oft hochkulturell bedeutender) kultureller Leistungen von Migranten in ihren Entstehungszusammenhängen.

Elisabeth Nemeth
Zwischen den Welten. Überlegungen zu Bourdieus Habitusbegriff
Bourdieus Habitus-Begriff gilt bis heute als eines der Kernstücke einer zutiefst deterministischen Theorie der sozialen Welt. Dass diese Sicht unangemessen ist, zeigt sich nur, wenn man Bourdieus Begriffe nicht als Teile einer von der Forschung losgelösten Theorie diskutiert. Zentrale Begriffe wie Habitus, Feld, soziales Kapital oder symbolische Gewalt sind in ihrem Gehalt und ihrer Tragweite nur dann richtig einzuschätzen, wenn sie dort aufgesucht werden, wo sie geprägt und weiterentwickelt wurden: im Kontext von bestimmten sozialwissenschaftlichen Fragestellungen. Den frühen Forschungen aus den 1950er und 60er Jahren kommt dabei ein besonderer Stellenwert zu. Die ethnographischen Studien zur Struktur der kabylischen Gesellschaft in Algerien haben inzwischen einen relativ hohen Bekanntheitsgrad erreicht. Dagegen wurde bisher wenig beachtet, dass die Darstellung der traditionellen bäuerlichen Gesellschaft der Kabylen nur ein Teil eines viel umfassenderen Projekts war, nämlich der Erforschung der sozialen Struktur der algerischen "Übergangsgesellschaft". Im Mittelpunkt des Buchs, das die Studien zu diesem Thema zusammenfasst (Algérie 60. Structures économiques et structures temporelles, publ.1977, in deutscher Übersetzung: Konstanz 2000) stehen jene kabylischen Bauern, die durch Kolonialpolitik und Krieg zu hunderttausenden an die Ränder der großen Städte geschwemmt worden waren. Die Studie zeigt, dass Bourdieu das Habitus-Konzept - nicht nur aber auch - dafür entwickelt hat, die Logik des Handelns von Menschen beschreiben und einsichtig machen zu können, die aus der sozialen Welt, in der sie aufgewachsen sind, vertrieben wurden - in anderen Worten: um die Logik des Handelns von Migrantinnen und Migranten beschreiben zu können. Die Schrift macht deutlich, dass die Frage nach dem Wandel von Praktiken in Bourdieus soziologischem Denken keineswegs nur den Status eines Grenzfalls hat, der dazu dient, gleichsam via negativa zu zeigen, was es heißt sich in einer (statisch gedachten) sozialen Welt zu orientieren. Ganz im Gegenteil: Bourdieu hat seine Auffassung davon, was es heißt sich in einer sozialen Welt zu orientieren, als Teil einer Theorie des Wandels von Einstellungen entwickelt.

Gábor Palló
Where is the Center?: Natural Scientists' Emigration from Hungary
Research in natural sciences, as in many other activities, has traditionally been organized unequally between various regions. Scientific centers attract the most important institutions, foundations, instruments, publications and people. They pull people who have the ambition to search for universal scientific truth. This attraction is manifested in several ways, including draining people from the peripheries. When local forces do not work strongly against this attraction, or even supplement it with a kind of push that almost forces scientists to look for research opportunities outside their home countries, emigration of scientists becomes a massive social process. Accordingly, when speaking about the migration of Hungarian natural scientists, a push-and-pull model can be applied.
Emigration of Hungarian natural scientists started in the early 20th century. Disregarding the various individual factors, it was caused by the unfavorable Hungarian political, sociological and scientific circumstances. The obvious direction to emigrate from Hungary could be Austria, the site so many Hungarian intellectuals chose was something else. Scientists, including later Nobel prize winners, such as Eugene Wigner, Dennis Gabor or other sometimes even more influential scientists such as John von Neumann or Edward Teller felt the attraction of the scientific centers. Although Vienna served as the center of the empire for a long period of time, by the 1920s, when scientific emigration became massive, the empire collapsed and it was far from being a scientific center in the scale of Germany, the targeted place of the scientists. In addition, anti-Semitism, causing strong push, was at least as strong in Vienna as in Budapest. When the centers shifted from Germany to the USA, Hungarian natural scientists moved with them. This multiple emigration contributed a lot to their success, as their Hungarian culture, openness and ambitions, mixed with the German theoretical science of their youth and the American practical and political challenge. When talking about the Hungarian emigrant scientists, the paper will also take a look at the Austrian connections, including Robert Barany, Richard Zsimondy, from the point of view of the national identity of the scientists.

Zoltan Peter
Wer integriert sich und wohin? Feldtheoretische Annäherungen zum Thema Migration und Literatursoziologie
Habitus und soziales Feld wurden von Bourdieu in die Sozial- und Kulturwissenschaften bekanntlich eingeführt, um mitunter die Dichotomie Individuum/Gesellschaft, Subjekt/Objekt zu überwinden. Im Vortrag geht es um ein paar vielleicht weniger bekannte Definitionen des Habitusbegriffs und um kleinere Beispiele seiner methodischen und empirischen Übertragung auf das Thema intellektuelle und literarische Migration.
Beschäftigt man sich mit dem Phänomen Migration, so geht es meistens um die Anwendung des Integrations- und Identitätsbegriffs auf größere Populationen - auf ethnische, nationale Gruppen, auf Minderheiten, Emigranten, Gastarbeiter, Flüchtlinge. Sobald im Zentrum des Interesses jedoch KünstlerInnen oder WissenschaftlerInnen stehen, die ihre Tätigkeit eben im oder auch im Ausland entfalteten, greift man mit großer Vorliebe auf kleinere soziale Einheiten zurück: auf die geschaffenen Werke oder höchstens auf die dahinterstehenden "außergewöhnlichen" Biographien sowie auf die politischen Verhältnisse, unter denen das Ganze sich entfaltete. Im ersten Untersuchungsgebiet hat man in verbreitetem Maß mit Studien zu tun, die das Individuelle dem Allgemeinen bis zu seinem Verschwinden unterzuordnen neigen. Im zweiten Fall hat man wiederum oft mit Studien zu tun, die das Individuelle, das Einmalige, insbesondere die geschaffenen Werke, von den sozialen Bedingungen ihrer Entstehung weit gehend unberücksichtigt untersuchen.
Der vorliegende Zugang zum Thema Migration und literarische Produktion ordnet sich in der Reihe jener Untersuchungen ein, in denen es mithin um zwei Probleme geht: Erstens um die Erforschung des in den Verallgemeinerungen oft aufgehenden Individuums, seiner habituellen Eigenart und seines spezifischen Zugangs zur Welt. Zweitens geht es hierbei um eine stärkere Anknüpfung des "autonomen", oft von jeglichen sozialen Determinanten unabhängig untersuchten und betrachteten Werkes an seine sozialen Bedingungen der Entstehung.
Gut anwendbar scheinen mir die zwei Schlüsselbegriffe der Feldtheorie in der Migrationsforschung insbesondere, wenn es um MigrantInnen geht, die ihre ursprüngliche Heimat als Jugendliche oder Erwachsene, beispielsweise als angehende oder etablierte Intellektuelle, WissenschaftlerInnen oder KünstlerInnen, verlassen haben. Habitus und Feld ermöglichen es z.B., anzugeben, dass das Profil der künstlerischen oder wissenschaftlichen Werke maßgeblich vom Zusammenspiel der in den unmittelbaren Produktionsfeldern vorherrschenden Bedingungen, der belegten Positionen und persönlichen Eigenschaften der Akteure bedingt ist. Sie ermöglichen es, zu sehen, welche Änderungen im Schaffen und Leben im Zuge einer Migration stattfinden können und wovon sie großteils abhängen.

Mihály Szivós
Wissenschaftliches Programm, Habitus und Emigration in Michael Polanyis Leben
Der Vortrag behandelt in erster Linie die Verhältnisse unter vier Schlüsselbegriffen - das wissenschaftliche Programm und die Geistesstruktur des Forschers Polanyi sowie sein Habitus und implizites Wissen - im Kontext seines Lebens. In Polanyis Fall begann die Herausbildung des Habitus in dem im Jahre 1908 gegründeten Galilei-Kreis, der mit wissenschaftlichen Veranstaltungen und persönlichen Kontakten in der Periode bis 1919 einen entscheidenden Einfluss auf diese Generation ausübte. Nachdem Polanyi vor dem Ersten Weltkrieg ein Arztdiplom an der Budapester Universität erworben hatte, wurde er ein anerkannter Forscher auf dem Gebiet der physischen Chemie in Deutschland. Wegen der nationalsozialistischen Machtübernahme emigrierte er nach England, nach Manchester, wo er seine Arbeit fortsetzen konnte. In der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre wandte er sich infolge des Nazismus und des Terrors in Russland den Gesellschaftswissenschaften und der Philosophie zu. In dieser Wendung kann die starke Wirkung des vorigen Habitus und seines impliziten Wissens entdeckt werden.

Beáta Thomka
Imaginäre Konstruktionen und transportable Identität. Poetik der Kultur der südeuropäischen Migranten
Mein Referat steht mit folgenden Subthemen der Konferenz in Zusammenhang: mit der Migration der humanen Intelligenz (aus Südosteuropa und dem Balkan nach Mittel- und Westeuropa) und der kulturellen Identität der Migranten. Ferner geht es um die Kontinuität und den Wandel der Faktoren, die sich im Kontext künstlerischer und kultureller Identität unter den neuen Verhältnissen zeigen. Unter den angeführten Beispielen gibt es auch welche, die grundsätzlich nicht aus politischen Gründen zum Teil der europäischen Diaspora geworden sind. Andere wiederum wurden durch die historisch-politischen Umstände zur Migration gezwungen. Von dem Balkankrieg am Ende des zweiten Jahrtausends waren die in Ex-Jugoslawien beheimateten Nationen und Minderheiten gleicherweise betroffen. Dem Exodus von Intellektuellen und Künstlern werden weltweit umfassende Forschungen gewidmet. Die komplizierte Problematik des besagten Raumes kann jedoch infolge der relativen zeitlichen Nähe der Neunzigerjahre weder in ihren Ausmaßen noch in ihren Folgen hinreichend überblickt werden. Als Literaturwissenschaftlerin kann ich lediglich Signale, Hinweise geben: Mir geht es um das Verständnis des noch nicht abgeschlossenen Prozesses, bei dem Angehörige einer multikulturellen und mehrsprachigen Gemeinschaft zur internen oder zur externen Emigration gezwungen werden. Letztere bedeutet gleichzeitig eine Konfrontation mit einem neuen sprachlichen Umfeld, in dem sich auch das Dilemma Sprachwechsel oder Spracherhaltung stellt. Die Entscheidung macht auch die Neuformulierung der Beziehung zur Muttersprache und zur primären sprachlichen Gemeinschaft unumgänglich. Diese reicht jedoch über die Frage des Sprachgebrauchs weit hinaus: Ihre Bedeutung lässt sich nur im Bereich der kulturellen Identität interpretieren.

Anna Wessely
Die kosmopolitischen Nomaden und ihr pädagogischer Eifer - die parallelen Lebensläufe von Karl Mannheim und László Moholy-Nagy
Der Beitrag zur Konferenz Habitus, Identität und die exilierten Dispositionen führt einen früheren Versuch fort, den oft allzu umfassend verwendeten Begriff des Exils mit Hilfe einer Typologie der Migranten zu differenzieren, um dadurch zu einem besseren Verständnis des Habitus der Exilierten und ihrer möglichen Strategien der Selbstbehauptung vorzudringen. In diesem Sinne habe ich idealtypisch Exilanten von Flüchtlingen, Auswanderern und kosmopolitischen Nomaden unterschieden. (s. A. Wessely: "An Exile's Career from Budapest through Weimar to Chicago: László Moholy-Nagy. In: David Kettler - Gerhard Lauer (eds.): Exile, Science, and Bildung. Palgrave Macmillan, NewYork, 2005, pp. 75-100.)
Flüchtlinge werden durch Naturkatastrophen, politische Verfolgung bzw. Verbannung gezwungen, ihr Heimatsland zu verlassen. In Erwartung einer Verbesserung der Zustände in der Heimat, die die Rückkehr ermöglicht, betrachten sie ihren zeitweiligen Aufenthalt in der Fremde als eine vorübergehende Lösung einer Notlage. Wenn sich Rückkehr als unmöglich erweist, lassen sie sich in der Fremde nieder. Selbst dann bleiben aber ihre Einstellungen deutlich unterschieden von denen der Auswanderer, die ihre Heimat mit der Absicht verlassen haben, sich endgültig in einem anderen Land niederzulassen. Auswanderer und ihre Familienmitglieder sind bestrebt, ihre soziale und rechtliche Stellung in der neuen Heimat zu verbessern. Sie beantragen die Staatsbürgerschaft, sie versuchen, bei den Einheimischen Anerkennung zu finden und soziale Netze auszubauen oder sich den bereits bestehenden anzuschließen, die ihre Akkulturation und soziale Integration erleichtern können.
Im Gegensatz zu den beiden obigen Gruppen soll die Anwendung der Bezeichnung Exilant auf jene Personen beschränkt werden, deren Verhalten in der Fremde durch die Absicht bestimmt wird, die politischen Prozesse in der freiwillig oder erzwungen verlassenen Heimat weiterhin zu beeinflussen. Exilanten bilden z.B. eine Exilregierung, führen diplomatische Verhandlungen, organisieren sich in politischen Vereinen und sind bestrebt, Abgrenzung und Zusammenhalt der Exilgemeinschaft mit allen Mitteln zu fördern. Da der Aufenthalt in dem fremden Staat als eine hoffentlich kurze Etappe in ihrem Leben aufgefaßt wird, bleiben die Beziehungen zu den Einheimischen instrumental, werden langfristige Verpflichtungen im Land des Exils vermieden und dessen innenpolitische Angelegenheiten ausschließlich aus dem Gesichtspunkt ihrer Relevanz für die verlassene Heimat wahrgenommen.
Schließlich möchte ich eine vierte Gruppe, die der kosmopolitischen Nomaden unterscheiden, die sich, da bereits vor der Migration in ein religiös, politisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich oder künstlerisch bestimmtes internationales Netzwerk eingespannt, leicht an die Lebensbedingungen in einem anderen Land anpassen und ihre Tätigkeit fortsetzen können, ohne sich ihm endgültig zu verpflichten. Ihre soziale Integration und erfolgreiche Karriere wird wesentlich erleichtert durch eine bewußt innovative, oft auch pädagogisch unterstützte Strategie in ihren jeweiligen Tätigkeitsfeldern, durch die es ihnen gelingt, um sich ein Milieu der Gleichgesinnten zu schaffen. Mein Beitrag will diese Strategie am Beispiel der parallel laufenden Lebensläufe von Karl Mannheim und László Moholy-Nagy beleuchten.




 
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