Das Konzept des Realismus spielt eine grundlegende Rolle in der Philosophie und wird in unterschiedlichen Zusammenhängen diskutiert. Zwei Ebenen der Realismusdebatte sind für uns von zentraler Bedeutung: Die metaphysische Realismusdebatte der analytischen Philosophie und die wissenschaftstheoretische Diskussion um den wissenschaftlichen Realismus.

Die metaphysische Realismusdebatte stellt die Frage nach Realität in seiner fundamentalsten Form: Ist es möglich, dem Konzept einer externen Realität jenseits der menschlichen Wahrnehmung Bedeutung zu geben und ist ein solches Konzept für ein konsistentes philosophisches Weltbild erforderlich? Ein charakteristisches Merkmal der Diskussion besteht darin, dass beide Seiten in ihrer Kritik der jeweiligen Gegenposition mehr zu überzeugen vermögen als in der Fundierung des eigenen Standpunktes. Antirealisten argumentieren eindrucksvoll, dass der Realist im Grunde nicht sagen kann, was er unter externer Realität versteht. Seine Erklärungen basieren auf unzulässigen und nicht wohldefinierten Extrapolationen der menschlichen Intuition, die letztlich nur scheinbar die Vorstellung einer von menschlicher Wahrnehmung unabhängigen Welt begreifbar machen. Auf der anderen Seite besitzt der Realist überzeugende Argumente dafür, dass eine philosophische Weltsicht, die auf jede Basis jenseits der menschlichen Wahrnehmungswelt verzichtet, in einen radikalen Relativismus (wie er vom französischen Dekonstruktivismus konsequent vertreten wird) oder in radikalen Solipsismus abgleiten muss.

Die Geschichte der metaphysischen Realismusdebatte ist geprägt von Versuchen, eine Zwischenposition zwischen den Polen eines metaphysischen Realismus und eines radikalen Antirealismus zu finden, die geeignet ist, den Fallstricken beider Seiten zu entgehen. Großvater dieser Bestrebungen ist Kants Konzept des Dings an sich, welches wohl eine transzendente Welt postuliert, sie aber unberührbar jenseits menschlicher Begreifbarkeit ansiedelt. Bedeutende Versuche der jüngeren Geschichte sind W. V. Quines naturalisierte Epistemologie oder H. Putnams interner Realismus. Bei genauerer Betrachtung fällt es allerdings nach Meinung vieler Beobachter allen bekannten Konzepten eines Mittelweges schwer, sich von beiden Polen überzeugend abzugrenzen.

Die wissenschaftstheoretische Realismusdebatte basiert auf einer engeren Fragestellung, ist aber in ihrem Verlauf der metaphysischen nicht unähnlich. Ausgangspunkt ist der Konsens, den Objekten unserer wahrnehmbaren Welt in irgendeiner Form Realität zuzugestehen, wie immer dies auch im Rahmen der metaphysischen Debatte eingeordnet werden mag. Die Frage ist, ob den in wissenschaftlichen Theorien postulierten aber nicht direkt wahrnehmbaren Objekten wie Elektronen, Quarks oder dem Big Bang in gleicher Weise wie ihren sichtbaren Verwandten Realität zukommt. Der wissenschaftliche Realist bejaht diese Frage während der Empirist wissenschaftliche Theorien nur als Werkzeuge zur Strukturierung und Vorhersage der sichtbaren Phänomene versteht. Die Annahme theoretischer Objekte wie des Elektrons kann letzterem Verständnis nach nur nützlich sein, nicht aber einem wahren Sachverhalt im Sinne der Existenz von Elektronen in der externen Welt entsprechen.

Wiederum besitzen beide Seiten des Disputs starke Argumente zur Widerlegung ihres Gegenparts. Wissenschaftliche Realisten bezweifeln die Möglichkeit, in sinnvoller Weise eine Grenze zwischen sichtbaren und theoretischen Objekten zu ziehen oder argumentieren, dass ein rein empiristisches Verständnis der Wissenschaft deren enormen Erfolg letztlich nicht erklären kann. Antirealisten dagegen argumentieren, dass wissenschaftliche Theorien durch den experimentellen Befund prinzipiell unterbestimmt sind (es gibt viele Theorien, die zu einem Befund passen), was einen Anspruch der Theorie auf Wahrheit ausschließt.

Auch in der wissenschaftstheoretischen Diskussion gibt es Bestrebungen, Mittelwege zwischen den beiden Polen zu formulieren, ohne dass bisher eine allgemein überzeugende Zwischenposition gefunden werden konnte.