W O R K S H O P

Körper, Sprache und Erkenntnis

Zur Bestimmung eines Verhältnisses im Bereich der Feministischen Philosophie / Geschlechterforschung

 

FREITAG, 22. JUNI 2001, 15.0019.00 UHR

Eine Veranstaltung der Arbeitsgruppe Philosophische Frauenforschung des Instituts für Philosophie der Universität Wien und des Wiener Philosophinnen Clubs in Zusammenarbeit mit dem Institut für Wissenschaft und Kunst; Konzept: Dr. Eva Waniek

Die Frage, worin sich Erkenntnis bedingt beziehungsweise wie sie mit Sprache und körperlicher Wahrnehmung verbunden ist, bewegte die abendländische Philosophie von Anbeginn an. Große Aktualität kommt ihr in der Feministischen Philosophie und Geschlechterforschung zu, wo sie mit der Sex-Gender-Debatte das Zentrum der gegenwärtigen Auseinandersetzung bildet. Die Kontroverse, ob die allgemeinen und konventionellen Zeichen der Sprache die geschlechtsspezifische Körper-Wahrnehmung der einzelnen bestimmen oder umgekehrt, ob der geschlechtliche Körper der oder des einzelnen die damit verbundenen sprachlichen Bedeutungen und gesellschaftlichen Erkenntnisse bedingt, spaltet das feministische Lager nach wie vor.

Der Workshop greift diese Kontroverse auf und sucht nach Möglichkeiten, um den Gegensatz der hierin bezogenen Positionen einerseits konkret zu bestimmen und andererseits zu überwinden.

15.0016.00 UHR: Ass.-Prof. Dr. Katherine Rudolph (Rhode Island/USA):

Körper-Konstruktivismus: René Descartes gegen oder mit Judith Butler?

Konstruktivismus hat sich als wichtiges Werkzeug für post-strukturalistische Körperkonzeptionen erwiesen. Diese versuchen im allgemeinen zu zeigen, daß der Körper ein Produkt sozialer und historischer Konstruktionen ist. Feministische Interventionen insbesondere beruhen auf dem Unterschied zwischen "Gender" im Sinne einer kulturell verstandenen Kategorie der Analyse und "Sex" als einer biologisch/anatomischen Analyseeinheit. Aber was passiert an den Grenzen von diskursiv verstanden Praktiken? Gibt es solche Grenzen überhaupt? Der Versuch, wesentlich bedingte Konzeptionen des Körpers mit kulturell bedingten zu ersetzten, beruht oft auf einer willkürlich bzw. arbiträr verstandenen Beziehung zwischen (kulturellen) Zeichen und dem Körper-Ding an sich. Solche Theorien drohen aber, wiederum einen Dualismus zwischen Körper und Verstand (im Sinne von Descartes) aufleben zu lassen. Auf diese Kritik, die Judith Butlers Buch "Gender Trouble" hervorgerufen hatte (und worin "Gender" als kulturelle Performance ausgelegt wurde), antwortete sie mit ihrem nächsten Buch "Bodies that Matter". Hier wird das Zeichen selbst als Materie verstanden. Meine Fragestellung, "Butler für oder gegen Descartes?", versucht, den Unterschied zwischen den beiden Stellungnahmen jeweils zu erläutern.

16.1517.15 UHR: Assoc. Prof. Dr. Gertrude Postl (Selden/USA):

Der Körper als Zeichen und die Frage nach dem Geschlecht

Im Gegensatz zur traditionellen Gegenüberstellung von Sprache und Körper wird es in diesem Vortrag darum gehen, Körper als Teil eines sprachlichen Zeichensystems zu fassen und ihn im Sinne einer durchgängigen Bedeutungsproduktion zu lesen ist. Dieses "Sprechen des Körpers" und die damit einhergehende, radikale Auflösung jeder Form von Dualismen wird als notwendige Voraussetzung angesehen, um die heterosexuelle Norm eines Systems strikter Zweigeschlechtlichkeit zu überwinden. Es wird zu zeigen sein, dass die diskursive Konstruktion von Körper im Sinne einer körperlichen Bedeutungsproduktion zu verstehen ist. Erst die Annahme eines vom biologischen Geschlecht befreiten, bedeutungskonstituierenden Körpers macht es möglich, gelebte Körper über die Vielfalt möglicher Formen des Begehrens miteinander in Beziehung zu bringen und nicht über deren angeblich biologische Gegebenheiten.

17.3018.30 UHR: Dr. Silvia Stoller (Wien/A):

Körper oder Sprache? Judith Butler phänomenologisch hinterfragt

Im Vortrag wird die mit Judith Butler dargelegte Körper-Sprache-Problematik mit einem phänomenologischen Ansatz konfrontiert, um diesen für die Fragestellung gewinnbringend anwenden zu können. Hierbei wird zu zeigen sein: a) daß erstens die Phänomenologie die Bedeutung nicht auf die bloße linguistische oder sprachliche Bedeutung reduziert, sondern mit einem weiteren Begriff von "Sprache" operiert, d. h. Bedeutung findet sich bereits auf der Ebene des Verhaltens und der Erfahrung; b) zweitens löst die Phänomenologie das Verhältnis von Sex und Gender oder Natur und Kultur nicht einseitig in die eine oder andere Seite auf; c) Insofern schon der Leib "Ausdruck" ist, kann schließlich gezeigt werden, dass der Leib der Ort ist, an dem der Widerstand gegen gegebene Normen beginnt.

18.3019.00 UHR: Gemeinsame Abschlußdiskussion, Leitung: Dr. Eva Waniek

Ort: Institut für Philosophie der Universität Wien, UniversitätsstrASSE. 7 / 3. Stock, 1010 Wien, HS 3C

 

Biographien

Gertrude Postl: Mag. phil. Dr. phil., Studium der Philosophie und Germanistik an der Universität Wien. Lebt in den USA und ist Associate Professor für Philosophie am Suffolk Community College in Selden, New York. Forschungsschwerpunkte: feministische Theorie, postmoderne Philosophie, Philosophie und Literatur. Veröffentlichungen: Weibliches Sprechen. Feministische Entwürfe zu Sprache und Geschlecht (1991); "The Silencing of a Voice: Christa Wolf, Cassandra, and the German Unification", in: Differences: A Journal of Feminist Cultural Studies 5/2 (1993); "(Über) den Körper sprechen: Materialität und Diskurs in der gegenwärtigen Gender-Debatte", in: Eva Waniek / Silvia Stoller (Hg.), Verhandlungen des Geschlechts. Zeitgemäße Betrachtungen zur Gender-Forschung (2001).

Katherine Rudolph: Assistant Professor für Philosophie am Rhode Island College, New York, USA. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich von feministischer Philosophie, Philosophie der frühen Neuzeit, Phänomenologie und Ästhetik. Publikationen: This Body of My Dreams: Descartes and Augustine on the Body of Language: Linguistic Constructivism in Historical Perspective (im Erscheinen) sowie diverse Artikel in Fachzeitschriften. Sie erhielt ein Pre-doctoral Fellowship am Getty Center for the History of Art and the Humanities sowie ein Post-doctoral Fellowship am Pembroke Center for Teaching and Research on Women.

Silvia Stoller: Dr. phil., Studium der Philosophie und Ethnologie an der Universität Wien. Seit 1993 Lehrbeauftragte am Institut für Philosophie der Universität Wien. Gemeinsam mit Eva Waniek Leiterin der Vortragsreihe "Feministische Theorie und Frauenforschung" am Institut für Wissenschaft und Kunst (Wien). Forschungsschwerpunkte: Phänomenologie (Merleau-Ponty), feministische Philosophie, politische Theorie. Derzeit Habilitationstipendiatin an der Universität Nijmegen (Holland). Publikationen u. a.: Wahrnehmung bei Merleau-Ponty. Studie zur Phänomenologie der Wahrnehmung. Bern, Frankfurt, New York [u. a.]: Peter Lang 1995; (Hg. mit Helmuth Vetter): Phänomenologie und Geschlechterdifferenz. Wien: WUV-Universitätsverlag 1997; (Hg. mit Gerhard Unterthurner und Elisabeth Nemeth): Philosophie in Aktion. Demokratie Rassismus Österreich. Wien: Turia + Kant 2000; (Hg. mit Eva Waniek): Verhandlungen des Geschlechts. Zeitgenössische Reflexionen zur Gender-Forschung. Wien: Turia + Kant 2001 (im Erscheinen); "Merleau-Ponty im Kontext der feministischen Theorie", in: Regula Giuliani (Hg.), Merleau-Ponty und die Kulturwissenschaften. München: Fink 2000.

Eva Waniek: Mag. phil., Dr. phil., Studium der Philosophie und der deutschen Philologie an den Universitäten Wien und Graz; Lehrbeauftragte am Institut für Philosophie der Universität Wien, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Wissenschaft und Kunst (IWK), dort seit 1992 Leitung (gem. mit Silvia Stoller) der Vortragsreihe "Feministische Theorie und Frauenforschung"; 19982000 Forschungsbeauftragte des österreichischen Wissenschaftsministeriums (BM:BWK) zum Thema: "Erarbeitung eines feministischen Bedeutungsbegriffs in den Gender Studies". Forschungsschwerpunkte: Feministische Philosophie, Sprachphilosophie, Bedeutungslehren, Semiotik, Ästhetik; Publikationen u. a.: Was "Frau" bedeutet. Ein Beitrag zu einem feministischen Bedeutungsbegriff. In: Internationale Assoziation von Philosophinnen (Hg.): wissen macht geschlecht / knowledge power gender. Zürich 2001 (im Erscheinen); Verhandlungen des Geschlechts. Zeitgenössische Reflexionen zur Gender-Forschung, (hg. mit Silvia Stoller), Turia + Kant, Wien 2001 (im Erscheinen); (Hg.): Bedeutung. Für eine transdisziplinäre Semiotik. Turia + Kant, Wien 2000. Hélène Cixous. Entlang einer Theorie der Schrift. Turia + Kant, Wien 1993.