Büro für brauchbare Texte

Es gibt, einer Interviewanfrage zufolge, eine “neue Lust am Denken”. Der IQ schlägt angeblich zurück. “Könnte diese Entwicklung eine Chance auf eine nachhaltige gesellschaftliche Veränderung haben?”

Hier der Versuch, dazu brauchbare Sätze zu produzieren.

Philosophie unterscheidet sich von den meisten Wissenschaften dadurch, dass sie sich an Interessen und Fähigkeiten richtet, die jeder Mensch mitbringt und ausbilden kann. Sie bietet seit jeher spezialisierte Denkarbeit, aber auch Orientierung für “die Frau auf der Straße”.

Augustinus, Schopenhauer, Nietzsche, Sartre und Foucault werden schon lange aus allgemeinem Interesse gelesen. Es galt als schick, sich auf neue Strömungen (Existenzialismus, Strukturalismus, Dekonstruktion, Neurophilosophie) zu beziehen.

Geändert hat sich die Vermittlungsform. Früher gab es vorzugsweise allgemeinverständliche Bücher und Broschüren philosophischer Autoren. Heute sind Philosophische Cafes, Philosophische Quartette und Journale dazugekommen. Wie man am beigelegten Foto sehen kann, konkurriert Nietzsche mit Amy Winehouse und Strauss-Kahn. Daraus würde ich keinen neuen Trend ableiten, eher ein Zeichen dafür, wie vielfältig die Materialien sind, die in den Eintopf der Mediengesellschaft einbezogen werden.

Fähigkeiten

Von Heinrich Heine stammt die Strophe:

Es ist eine alte Geschichte,
Doch bleibt sie immer neu;
Und wem sie just passieret,
Dem bricht das Herz entzwei.

Das betrifft eine nicht erhörte Liebe, aber die Beschreibung passt auch darauf, wie sich Philosophen von Computerwissenschaftern verstoßen fühlen. Andreas Dengel zeigt der Weisheitslehre die kalte Schulter.

 

Während Menschen in geschriebener oder gesprochener Information selbstständig die Bedeutung erkennen, fehlt Computern diese Fähigkeit. Damit Computer dies trotzdem können, gibt es zwei Optionen: Entweder man versucht den Text oder die gesprochene Sprache mit Hilfe von Technologien der Künstlichen Intelligenz (KI) zu analysieren, um die bedeutungstragenden Wörter zu finden, oder man ergänzt die Information mit Hilfe beschreibender Attribute, wie wir das aus dem Bibliotheksumfeld bereits seit Jahrhunderten kennen. Die extrahierten bedeutungstragenden oder zusätzlich deskribierenden Wörter nennt man Metadaten.

Können ein Stein oder ein Eisenstück “der Schwerkraft gehorchen”? Ein Tier hat sicherlich die Fähigkeit, sich im Raum zu orientieren. Es gibt verschiedene Ansprüche, die man an den Gebrauch des Wortes “Fähigkeit” stellen kann. Selbständig Bedeutungen erkennen ist eine Fähigkeit, die zu beurteilen wiederum an der Bedeutung von “selbständig” und “Bedeutung” hängt.

Hier ist viel Platz zur Diskussion und für verschiedene Schwerpunktsetzungen. Aber was Dengel vorschlägt ist ein Witz. Um Computern die Bedeutung eines Ausdrucks zu lehren, welche sie nicht selbständig erfassen können, schreibt man weitere Ausdrücke dazu (und hebt diese syntaktisch vom ersten Typ der Worte ab). Damit ist das Problem gelöst: ” Damit Computer dies trotzdem können …”

Die Anwesenheit der Abwesenheit

Es gibt eine, im Moment sehr populäre, Koch- und Esskultur. Weniger verbreitet ist die Fastenkultur, obwohl auch dafür Expertinnenkurse angeboten werden. Ähnlich steht es mit “sein” und “nein”. Ontologien sind beliebt, aber die Aufmerksamkeit auf die Subtilitäten der Verneinung ist gering. Vor einiger Zeit hörte ich im Radio:

Denken Sie an die fehlenden Kinderbetreuungseinrichtungen, die wir haben.

Ein Kindergarten ist halbwegs gut definiert. Er läßt sich errichten und besuchen. Dagegen ist schwer zu sagen, was speziell fehlt, solange niemand auf die Idee eines Kindergartens gekommen ist. Die Lösung liegt auf der Hand, sobald man über den Begriff verfügt: eben ein Kindergarten. Kein Kindergarten lautet die Beschwerde. Das Problem damit ist ebenfalls offenbar: um so präzis zu sein, braucht man die Bestimmtheit des Kindergartens.

Die Beschwerde hängt an der Vorgabe des Gegenstands, dessen Fehlen die Wortmeldung gilt. Und schnell wird daraus ein “Gegenstand”, den jemand “hat”, obwohl es ihn nicht gibt.

Jon Stewart spielt den Umstand in seiner “Daily Show” vom 13.12. an einem politischen Beispiel durch. Ein Familienverband in Florida protestierte, weil ein öffentlicher Sender den Alltag von Muslims nicht als terroristisch dargestellt hat.

persönlich offen

Ich habe in einem anderen Zusammenhang die Geschichte erzählt, wie beim Filmen eines Informations- und Verkaufstandes von mir “Persönlichkeitsrechte verletzt wurden”. Eine Studentin beschwerte sich darüber, in der Aula der Universität aufgenommen worden zu sein. Nach anfänglichem Ärger musste ich zugeben, dass ihr Einspruch eine gewisse Berechtigung hat. In einer Zeit, in der Google Aufnahmewägen durch die Straßen schickt und Algorithmen aus Fotos Identitäten herausrechnen, ist Zurückhaltung angebracht.

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Wie neutral darf es sein?

Gerade wird der A1 Open Society Award vergeben, in dem Projekte gesucht werden, “die das Internet für politische Diskussion und Partizipation nutzen und damit die Zivilgesellschaft stärken”. Die Initiative für Netzneutralität hat sich auch beworben.

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