Bruno Latour, Ausschnitte aus und Materialien zu seinem Text " Arbeit mit Bildern oder: Die Umverteilung der wissenschaftlichen Intelligenz"
(Dieser, im folgenden dargestellte Text entstammt wie auch die anderen Texte, auf die hingewiesen wird, dem Buch: Bruno Latour, Der Berliner Schlüssel. Erkundungen eines Liebhabers der Wissenschaften. Berlin: Akademie Verlag 1996.)
Bruno Latour bezeichnet sich selbst als Liebhaber der Wissenschaften. Als solcher hat er zwei interessante Eigenschaften: Er idealisiert sein Objekt, und er verkennt es an einigen Stellen. Mit beidem haben wir es im folgenden zu tun.
Latour beginnt mit fünfzehn Abbildungen. Das erste zeigt ein Gnomon, ein Zeichengerät aus Dürers Handwerkskasten, das dazu diente, dreidimensionale Bilder von Landschaften in einen zweidimensionalen Raster einzufangen. Das zweite Bildzeigt einen Mann, der durch ein Mikroskop schaut. Auf dem dritten Bild sehen wir eine komplizierte Laboratoriumsanlage zur Aufzeichnung von Bewegung: Auf einer Kreisbahn läuft ein Mensch vorbei an regelmäßig aufgestellten Masten, über die Signale an eine zentrale Aufzeichnungsmaschine vermittelt werden. Das vierte Bild ist eine Skizze für einen Detektor zur Ermittlung der Kräfte, die auf einen Spaten wirken. Das fünfte Bild zeigt einen Kriegsversehrten, dessen Bewegungen mittels eines komplizierten Gerätes auf einem mit schwarzen Ruß beschichteten Zylinder wiedergegeben werden. Auf dem sechsten Bild sind zwei Reihen von Menschen zu sehen, eine Reihe Frauen, eine Reihe Männer. Die Frauen riechen in den Achseln der lastwagenfahrenden Männer, um die Qualität verschiedener Zusammensetzungen von Deodorants zu überprüfen. Bild sieben: Die Anthropologin Shirley Strum als menschliche Pavianin unter Pavianen. Bild acht: eine Forscherin in einem Labor mit einem Massenspektrometer. Kein Platz, nur Maschinen. Bild neun: Ein Schlumberger Auto, das nichts mit Sekt zu tun hat, sondern einer Ölfirma gehört , die mit dem fahrenden Labor Ölvorkommen entdeckt. Das zehnte Bild ist ein Photo aus einer naturhistorischen Sammlung sämtlicher Vögel dieser Welt in ausgestopfter Form. Bild elf: ein Stich eines Saales einer Maschinensammlung an der Cornelluniversität in den USA. Bild zwölf stellt ein Radioteleskop dar. Bild dreizehn gewährt einen Blick in ein metrologisches Labor mit einer Fülle von Eichinstrumenten. Bild vierzehn zeigt ein Observatorium, wobei unklar bleibt, ob der photographierte Mann ein Teleskop, ein Mikroskop oder eine Photographie betrachtet. Bild fünfzehn schließlich ist die Darstell ung einer nackten Frau, hinter der ein weiblicher Engel steht.
Erster Abschnitt: Wozu diese Bilderfolge? Die Wissensformen, so Latour, sind viel entscheidender als die Fakten selber. Nackte Fakten gibt es nicht. Die Information ist nach Latour zu einem Bestandteil der physischen Welt geworden. Das bringt mit sich, daß sie nicht mehr im Bewußtsein einzelner, in Maschinen, in Begriffen oder in einer sozialen Gruppe angesammelt ist, sondern breit verteilt in die Gegenstände hineindiffundiert und allgemein zugänglich ist. Wissen ist dabei in erster Linie als eine Anhäufung von Praktiken aufzufassen . Manches von Latour klingt wie eine Erfüllung eines Wunsches von Husserl: Von den Erkenntnissen zurück zum Know-how. (Für Husserl beruht die Krisis der Wissenschaften bekanntlich auf der Abtrennung ihres lebensweltlichen Bezugs.) Die Aufgabe der Wissenschaften, so zitiert Latour den Sprachwissenschafter Gardiner, bestehe nicht darin, etwas zu verstehen zu geben (imply), sondern etwas explizit zu sagen (state). Sie sollten einander überschneidende Fakten ans Tageslicht bringen, sie voneinander trennen und dem Blick der Öffentlichkeit vorlegen.
Die nächste These: Das Gegenteil des Relativismus ist der Absol utismus. Hier stellt Latour das Universale in Gestalt des Wissenschafters dem Partikularen in Gestalt dessen, der wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis umsetzt, gegenüber. Er kritisiert an der universellen Position die Methodengebundenheit und die, wie er sich ausdrückt, "unverschämten" Privilegien, an der partikularen die Tatsache, daß sie die wissenschaftlichen Dinge selber opfern würde. Er möchte für sich selbst eine mittlere Position finden, ohne allerdings explizit zu beschreiben , wie eine solche praktisch aussehen könnte. Der weitere Verlauf des Textes legt nahe, daß er vor allem eine erhöhte Aufmerksamkeit für die Zwischenschritte, die vom lokalen zum universalen Wissen zu gehen sind, fordert. Sein Rekurs auf Begriffe des politischen Feldes (Absolutismus) spiegelt seine Überzeugung wider, daß Wissenschaft eine gesellschaftliche Rolle spielt und daß die Wissenschaft selber politisch durchformt ist.
Der zweite Abschnitt: Verweilen im Bild. Latours Interesse für das wissenschaftliche Bild rührt, so schreibt er, aus einem konkretistischen Ver ständnis verschiedener Metaphern des Wissens her: "der geistige Überblick ", "das Erfassen mit einem Blick", "mentale Karten" - das alles sind Ausdrücke, die auf das optische Moment von Wissen und Wissenschaft anspielen. In Bildern verfolgt Latour Einschreibungspraktiken der Wissenschaften. Er untersucht dabei insbesondere das Verhältnis zum (gegenständlichen) Referenten. Nach Latour ist für einen (echten) Wissenschafter ein Bild nicht besonders eng an den Referenten gebunden. Ein Bild beweist für den Wissenschafter nicht. Der Parawissenschafter hingegen gehe davon aus, daß ein Bild unmittelbar als Beweis dienen könne. Latour unterscheidet hierbei zwischen einem seitlichen, direkt zugänglichen Referenten der Parawissenschafter und einem (wissenschaftlichen) transversalen, der sich in den Transformationen der Inskriptionen hält. Dieser ist zwar in jeder Phase der Inskription zugänglich, aber es wäre eine Täuschung zu glauben, mit dem Bild wäre ein unmittelbarer Zugang gegeben. Latour schreibt vom Aufleuchten des Referenten, der aber auch verlöschen könne, wenn z.B. der Spiegel des Teleskops beschlagen wäre oder die Tinte des Kurvenschreibers Klekse mache. Ein Wissenschafter bliebe skeptisch genug, um zu wissen, daß das Bild nicht der Referent, sondern nur eine Vermittlungsform sei.
Am Ende der Bilderkette steht für Latour "selbstverständlich ein stabiler Referent". Das Problem bestehe nur darin, wie dessen Stabilität gesichert werden könne. Der Partikularist beschränke sich auf die Bilder. Latour hingegen möchte die Spur des Referenten in den Übertragungen der Inskriptionen verfolgen .
Er sieht zwei Mechanismen im Umgang mit den Bildern: Die Verwandlung der Zwischenglieder in black boxes und die Erweiterung der Inskriptionsnetze. Zum ersten: Der Eindruck der Unmittelbarkeit des Referenten entsteht für Latour nicht zuletzt daraus, daß die vielen Operationen, die erforderlich sind, um ein Forschungsergebnis hervorzubringen, zu einem einzigen Ereignis verschmolzen werden. Die vielen Schritte und Geräte, die wiederum selber Ergebnis vieler Überlegungen und Schlüsse sind, werden in eine black-box verbannt. Das zweite: Die Erweiterung der Inskriptionsnetze ließe sich mit dem Ausdr uck pädagogischer Verbreitung des Wissens paraphrasieren. Eine, in einem Elektronenmikroskop entdeckte Struktur wie die Mitochondrie wird gezeichnet, in Lehrbücher gedruckt, als mannshohes Modell gebaut und gelangt auf diese Weise in die Köpfe von Schulkindern oder einer interessierten medizinischen Öffentlichkeit. Latour betont den Aspekt, daß bei dieser Verbreitung große Entfernungen überwunden werden. Die Mitochondrie würde ins Wohnzimmer geliefert wie Fischstäbchen, die auf einem weit entfernten Fischkutter als Kabe ljau eingefangen worden sind und massive Veränderungen erfahren müssen, um "more geometrico" auf unserem Teller zu landen.
Eine Zwischenbemerkung für die hier diskutierte Fragestellung: Latour beschreibt das Verhältnis von Wort und Gegenstand, von Bedeutung bzw. Sinn und Referenten als ein vielfältig zerklüftetes. Die Bilderketten, von denen er s pricht, sind Versuche der Bezugnahme auf einen Gegenstand, der selber unerreichbar bleibt, auch wenn kein Zweifel daran besteht, daß es ihn gibt.
Eine photophilosophische Montage: Der dritte Teil des Textes ist einem konkreten Beispiel gewidmet. Latour beschreibt eine Expedition in das brasilianische Amazonasgebiet, in der die Bodenbeschaffenheit in einem bestimmten Areal festgestellt und dokumentiert werden soll. Auszüge aus der sehr ausführlichen Darstellung: Das Thema ist dasselbe wie in dem vorangegangenen mehr theoretischen Abschnitt. Wissen wird in sehr vielen kleinen Einzelschritten gewonnen, die optisch verankert sind. Der Wissenschafter steht nicht vor einer tabula rasa, er greift auf eine Fülle von Ordnungsmustern und -systemen zurück. Er muß sich dabei auf Repräsentationssysteme wie geographische Karten verlassen wie auf einen festen Referenten. Ähnlich wie Husserl spricht Latour hier von Sedimentationen des Wissens. Der nächste Schritt besteht in der Verteilung von Orientierungsmarken in der Landschaft: An die Bäume werden kleine Schilder mit Zahlen genagelt. Der Urwald wird, so Latour, zum Laboratorium. Der Referent tritt in sehr unterschiedlichen Formen auf. Eine Forscherin sammelt z.B. Pflanzen, um sie den Nummern zuordnen zu können bzw. später die Vegetation in einem bestimmten Areal beschreiben zu können. Was ist dabei der Referent: die Pflanzen, deren Photo, deren Name in einem Notizbuch oder das Areal? D ie Pflanzen werden hitzekonserviert und in Zeitungspapier gehüllt in einem Regal systematisch aufbewahrt. Der Urwald - repräsentiert in einem Bureau. Latour geht dazu über, wissenschaftliche Ordnungsmethoden zu beschreiben. Nebenbei bemerkt er, daß ein so berühmtes Beispiel wie Searles Katze auf der Matte eine unzulässige Vereinfachung der Frage nach dem Referenten ist. Der Wissenschafter muß sich orientieren, was eine eigene Wissenschaft ist, im Falle der beschriebenen Expedition mit einem Faden, der mit einem Gerät zur Distanzmessung verbunden ist. Das untersuchte Areal verwandelt sich in eine Gegend, die mit einem Fadennetz überspannt wird, metaphorisch betrachtet, eine Vernetzung von Elementen des Wissens. Ein anderes Ordnungssystem entsteht durch die Bodenproben, die in einer Lade mit sehr vielen kleinen Schachteln gesammelt werden. In dieser Lade, dem Pedokomparator, werden die Erdklumpen den Nummern, die an den Bäumen hängen, zugeordnet und auch im Bureau bearbeitet. Latour betont die zeitliche und räumliche Distanz dieser Bearbeitung und das Muster, das in der Schachtel entsteht, das als sol ches die Grundlage eines Textes über den untersuchten Boden bilden wird. Bei der Beschreibung des Bodens wird wiederum auf bestehende Repräsentationss ysteme zurückgegriffen: Um einer Probe eine bestimmte Farbe zuordnen zu können, muß auf Basis von Vergleichen klassifiziert werden. Hier taucht der Munsell-Code auf, ein kleines Heft aus Farbkärtchen, das sämtliche tropische Böden dieser Welt netzartig verbindet. Latour weist einmal mehr auf die Entfernung als wichtige Dimension hin. Die Farbkarten des Heftchens sind so gestaltet, das jede Farbe in der Mitte ein Loch hat, hinter die die jeweilige Bodenprobe gehalten werden kann. Denn sobald die Entfernung größer wird oder gar die Farben nur aus der Erinnerung verglichen werden, ist das Ergebnis ungenau und unbrauchbar. Latour geht es um die Beschreibung des Bruchs, der in jeder Bezugnahme liegt. Zwischen der Farbe auf den Farbkärtchen und der Farbe der Bodenprobe ist ein Abstand, der von demjenigen, der die Zuordnung durchführt , überbrückt werden muß. Die Bezugnahme auf die Referenten erfolgt in Ketten mit mehreren Gliedern, wobei sich der Bruch in jedem Glied wiederholt. Siehe Skizzen S. 238.
Sokal über Latour: Das strong programm der Wissenschaftssoziologie ist für Sokal so mehrdeutig formuliert, daß es nicht wörtlich genommen werden kann. Sokal versucht ihm die Mehrdeutigkeit zu nehmen und kommt dann zum Schluß, Latours Thesen seien banal oder falsch. Sokal zitiert Latour: "Da die Beilegung (settlement) einer Kontroverse die Ursache der Darstellung (representation) der Natur ist, nicht die Folge davon, können wir anhand des Ergebniss es - der Natur - niemals erklären, wie und warum eine Kontroverse beigelegt wurde." Sokal stört, daß Latour in einem Atemzug sowohl von Natur als auch von deren Repräsentation spricht. Er schlägt daher vor, entweder beide Male von Natur zu sprechen, dann wäre die Behauptung falsch, weil radikal konstruktivistisch, oder beide Male von der Repraesentation zu reden, was banal wäre. Latour stellt nach Sokal zwei in moedelltheoretischer Hinsicht wissenschaftlich relevante Systeme einander gegenüber: die Natur als das, was über den Ausgang von Kontroversen entscheidet und Machtverhältnisse in einer Forschu ngsgemeinschaft. Nach Sokal verzichtet Latour auf diese Weise darauf, zwischen Fakten und unserem Wissen über diese Fakten zu unterscheiden.
Latour selber beschreibt seinen Ansatz z.B. in "Portrait von Gaston Lagaffe als Technikphilosoph". Während die alte Soziologie sich analyt isch mit den Menschen bzw. deren Machtverhältnissen und getrennt davon mit der Technik auseinandergesetzt habe, möchte er die Machtverhältnisse in den Dingen der Technik selbst untersuchen. Unverkennbar ist dabei seine linguistische Orientierung: "Die Tür und die Macht sind wie Wörter in einem Satz, die mit anderen Wörtern verknüpft sind. Für Dinge und Menschen gibt es nur eine einzige Syntax und eine einzige Semantik." ("Der Berliner Schlüssel", S. 26)
In seinem Vorwort zu "Pandoras Hoffnung" ("Do you believe in reality?
- news from the trenches of the Science Wars" zu finden über Latours
homepage http://www.ensmp.fr/ ~latour/)
beschreibt Latour drei Motive, die sein Denken und im speziellen sein Denken
der Realität bestimmen:
Die Cartesische Spaltung des Menschen, aus der ein von der Welt abgetrennter
Geist hervorgegangen sei,
die Suche nach einem festen Fundament für die Überzeugungen
dieses Geistes in der äußeren Welt und
die Machtverhältnisse, die sich rund um die als Konventionen festgelegten
Überzeugungen breitmachen.
Ulrike Kadi